Perspektiven

Anfang Mai 2022 beschäftigen mich beim Zinken und anderswo verschiedene Perspektiven und die Erkenntnisse, die ich durch einen neuen Blick auf Altgewohntes gewinnen kann:

Im Büro bin ich in der letzten Woche mit einem höhenverstellbaren Schreibtisch ausgerüstet worden. Das tut natürlich zunächst erstmal meinem Rücken gut. Das Arbeiten fühlt sich aber auch anders an, wenn ich es im Stehen erledige und der Blick von oben auf den Schreibtisch meiner Kollegin gegenüber ist auf einmal ein anderer. Interessanterweise ist die Corona-Präventions-Spuckschutz-Plexiglasscheibe an den nicht höhenverstellbaren Schreibtisch meiner Kollegin anmontiert worden, so dass ich ab jetzt doch sehr aufpassen muss, dass ich, wenn ich im Stehen arbeite, nicht aus Versehen darüber hinweg meine Kollegin anspucke.

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Risse

Der zweite Corona-Winter zehrt an den Nerven. Viele Menschen haben sich verändert, wirken dünnhäutiger und zerbrechlicher. Ein kurzes aber sehr ansprechendes Wort zum Sonntag in unser örtlichen Presse zum Thema Kintsugi hat mich zusammen mit den vielen Schlaglöchern auf den Straßen und meinen Bemühungen mit dem Zink Mitte Februar 2022 auf folgende, recht nachdenkliche Geschichte gebracht:

Der diesjährige Winter hat Spuren hinterlassen. Es war der zweite Corona-Winter in Folge und viele Menschen hungern aus ganzer Seele nach Normalität, Kontakten, Sonne, Lachen, Begegnungen, Wärme und einem Ende der Isolationen und Einschränkungen. Bei uns im Nordwesten Deutschlands war der Winter zudem wieder einmal nicht lange kalt aber dafür extrem lange grau und nass. In vielen Straßen haben sich bestehende Risse und Löcher ausgebreitet und vertieft oder neu ausgeprägt. Sie bilden zum Teil bizarre Muster, die eine ganz eigene Schönheit entwickeln. Wenn man allerdings mit dem Auto in eins der Schlaglöcher gerät, kann man die Schönheit unter Umständen gar nicht würdigen.

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Erwartungen

Ende Januar 2022 gehen mir viele Gedanken durch den Kopf, die sich dann alle zu einer neuen Geschichte zusammengefunden haben. Irgendwie hängt wieder einmal alles zusammen: Feigen, Brötchen, Doppelkopf und Zinken:

Der Feigenbaum in unserem Garten hatte sich sein Leben bestimmt anders vorgestellt. Vielleicht hatte er davon geträumt, in der würzigen Luft Kretas irgendwo einsam in den Bergen und mit Blick auf das blaue Mittelmeer die Sonne zu genießen. Oder im Garten einer spanischen Finca eine Familie Jahr für Jahr mit einem solchen Übermaß an Früchten zu erfreuen, dass die Familie die gesamte Ernte gar nicht alleine aufessen kann und die überzähligen Früchte trocknen muss. Stattdessen steht er nun an der Südwand eines Hauses im kühlen und nebelgrauen Norddeutschland, setzt jedes Jahr eine Unzahl an Früchten an, die er aber nie zur Reife bringt, weil nach einem kurzen Sommer immer unerwartet früh der regnerische Herbst einsetzt. Und zu allem Überfluss steht regelmäßig eine kleine, aufgebrachte Frau vor ihm, überschüttet ihn mit wuterfüllten Tiraden und fuchtelt drohend mit einer Gartenschere, Kettensäge oder Axt vor ihm herum. Nein, das hatte er sich wirklich anders vorgestellt. Aber im Leben kommt es ja oft ganz anders, als man das plant, erwartet oder erhofft.

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Bremsen

Mitte Dezember 2021 hat der Zink mich mal wieder zum Nachdenken gebracht. Diesmal geht es um die genau ausdifferenzierte Gestaltung von Tonanfängen. Und irgendwie ist dann doch noch eine Adventsgeschichte daraus geworden.

Wenn ich in pandemischen Zeiten nicht gerade meine Arbeit im Homeoffice erledigen kann, pendle ich regelmäßig mit der Bahn nach Bremen. Ich fahre gerne im letzten Wagen meines Zuges, weil ich dort zum einen viele mittlerweile bekannte Gesichter sehe und zum anderen der Weg vom Ausstieg aus dem Zug im Bremer Bahnhof bis zu den Treppenabgängen von dort deutlich kürzer und weniger überfüllt ist, als von den vorderen Wagen aus. Vorausgesetzt natürlich, der Lokführer leitet das Bremsmanöver rechtzeitig ein, so dass der Zug mittig im Bahnhof hält und nicht gefühlt auf halber Strecke nach Hannover. Beim Warten auf den Zug in meinem kleinen Provinzbahnhof positioniere ich mich genau da, wo der letzte Wagen üblicherweise zum Halten kommt. Es passiert gelegentlich, dass der Zug nicht rechtzeitig bremst und ich dann eine Strecke sprinten muss, um in den letzten Wagen einsteigen zu können. Immerhin hat der Zug aber bisher noch jedes Mal angehalten. Es gibt ja Bahnhöfe, in denen die Züge manchmal den Halt vergessen, gar nicht abbremsen und einfach durchfahren. Wenn man „IC vergisst Halt“ googelt, findet man leicht einige Beispiele.

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Sprüche

Ich mag Sprüche. Mitte Oktober 2021 beschäftigt mich ein Spruch aus der Kampfkunstszene so sehr, dass mir sogar eine Geschichte dazu eingefallen ist, in der der Zink (fast) gar nicht vorkommt:

Vor kurzer Zeit habe ich Glückwunsche zu einer grünen Hochzeit auf einer Karte formulieren müssen. Erst habe ich mich schwergetan, weil mir nichts Passendes einfiel. Dann habe ich im Internet recherchiert und bin auf eine Fülle von Sprüchen gestoßen, von romantisch über ernst und besinnlich bis hin zu sehr humorvoll. Gut gefallen hat mir z.B. von Antoine de Saint-Exupéry: Liebe besteht nicht darin, dass man einander ansieht, sondern dass man gemeinsam in die gleiche Richtung blickt. Oder von Loriot: Eine glückliche Ehe ist eine, in der sie ein bisschen blind und er ein bisschen taub ist. Entschieden habe ich mich für einen Klassiker von Platon: Die Liebe ist ein Fest – es muss nicht nur vorbereitet, sondern auch gefeiert werden.

An die nahezu unerschöpfliche Quelle von Sprüchen im Internet hatte ich mich erinnert, weil ich vor einigen Jahren anlässlich einer Fußball EM für die Teilnehmenden an einer Tipprunde Urkunden gefertigt hatte. Seinerzeit war ich mit Lachtränen in den Augen tief in die Welt der Fußballsprüche abgetaucht und hatte schließlich jede Urkunde mit einem anderen Spruch versehen. Da gibt es unschlagbare, zum Teil unerwartet tiefsinnige Klassiker: Mario Basler: Das habe ich ihm dann auch verbal gesagt. Matthias Sammer: Das nächste Spiel ist immer das nächste. Gerhard Delling: Das einzige, was sich nicht geändert hat, ist die Temperatur – es ist kälter geworden. Marco Rehmer: Wir sind hierhergefahren und haben gesagt: Okay, wenn wir verlieren, fahren wir wieder nach Hause. Fritz Langner: Ihr Fünf spielt jetzt vier gegen drei.

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richtiger Platz

Mitte September 2021 sind mir auffallend häufig Dinge begegnet, die an einem falschen Platz waren. Aber waren sie das wirklich?

Kürzlich habe ich meine Brille vermisst. Sie lag nicht in dem Regalfach, wo ich sie normalerweise hinlege. Ich habe einige Zeit vergeblich nach ihr gesucht, bis ich sie schließlich auf meiner Nase gefunden habe. Das mag nun an meinem Alter liegen, bei der Gelegenheit habe ich aber gemerkt, dass es mir wichtig ist, dass Dinge an ihrem richtigen Platz sind und alles seine Ordnung hat.

Wenn es geht, buche ich mir für Veranstaltungen oder auch längere Zugfahrten einen festen Sitzplatz. Unerfreulich wird es dann, wenn bei der Bahn der Wagen, in dem mein Platz sich befindet, gesperrt ist und ich dann doch zeitweilig stehen muss. Bei Konzerten habe ich es schon erlebt, dass wegen zu geringer Nachfrage in bestimmten Sitzplatzbereichen die Reservierungen dort vor Ort aktuell aufgehoben werden und man in diesem Bereich freie Sitzwahl hat. Gut, wenn man dann früh genug da ist, um sich einen vernünftigen Platz auszusuchen und man nicht hinter einer Säule oder auf einem unbequemen Klapp-Zustell-Stuhl Platz nehmen muss.

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Ende …

Ende Juli 2021 habe ich mich intensiv mit Schlusspunkten und Enden beschäftigt. Auf die Thematik aufmerksam geworden bin ich wieder einmal, wie so oft in den letzten vier Jahren, durch meinen Zinkunterricht.

Kürzlich haben wir uns im Zinkunterricht mit der musikalischen Gestaltung eines längeren schnellen Laufes beschäftigt. Damit er sich nicht langweilig anhört, sollen Tempo und Spielfluss nicht gleichförmig vor sich hin tackern, sondern die Töne und die ganze musikalische Phrase idealerweise mit kleinen Anläufen, Verzögerungen oder sonstigen Tempoveränderungen abwechslungsreich perlen. Auch die Dynamik soll nicht immer gleichbleiben, sondern ebenfalls ständig leicht variieren. Zudem sind Kraft, Luft und Energie so einzuteilen, dass alles mindestens bis zum Ende des letzten Tones ausreicht. Insgesamt soll sich der Spannungsbogen bis zur Endnote und noch darüber hinaus erstrecken. Am Schwierigsten für mich war und ist die Gestaltung des Schlusstones. Das Timing passt oft nicht. Ich stolpere in den letzten Ton entweder zu schnell hinein, mache davor eine zu lange Pause, verliere mit zu viel Ritardando vorher insgesamt zu viel Tempo, erwische den Schlusston von der Intonation her nicht richtig, würge ihn zu früh oder lustlos oder genervt ab, gestalte das Ende zu abrupt, denke nicht über den letzten Ton hinaus weiter oder komme sowieso gar nicht am Ende an, weil ich schon vorher frustriert den Lauf abgebrochen habe, wenn sich wieder einmal Finger oder Doppelzunge oder auch beides vertüddelt hatten. Es ist ganz erstaunlich, wie lange und intensiv man sich mit ein paar wenigen Tönen beschäftigen kann.

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Erinnerungen

Es gibt gute Erinnerungen und nicht so gute. Sie können sich auch im Laufe der Zeit verändern, entweder von alleine oder weil wir sie bewusst beeinflussen. Kürzlich habe ich vier wunderbare Tage auf einem musikalischen Workshop verbracht und schwelge Anfang Juli 2021 noch immer in den wunderbaren Erinnerungen.

Im Laufe meines Lebens habe ich viele Erinnerungen angesammelt. Allerdings ist mir dabei klar, dass die Dinge, an die ich mich zu erinnern meine, gar nicht unbedingt so auch stattgefunden haben. Andere Menschen erinnern ein und dieselbe Sache oft unterschiedlich. Das wird beispielsweise bei Zeugenaussagen in Gerichtsprozessen deutlich. Der eine hat drei Schüsse gehört, jemand anders vielleicht vier oder noch mehr oder gar keinen. Auch Personenbeschreibungen bilden nicht immer das wirkliche Abbild des zu beschreibenden Menschen ab und Phantombilder können zuweilen irreführend sein. Wenn Zeit vergeht, verschwimmt auch oftmals die Erinnerung oder wird durch Bilder, eigene Gedanken oder Impulse von außen überlagert, verändert oder verfälscht. Bei zwei Gelegenheiten, bei denen ich erwartet hatte, als Zeugin aussagen zu müssen, habe ich mir daher vorsichtshalber sofort nach dem Geschehen Notizen gemacht.

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In der augenblicklichen, hauptsächlich von Angst und Unwissenheit geprägten pandemischen Zeit Ende Mai 2021 ist es manchmal schwer zu erkennen, dass die wahllose Addition verschiedener Maßnahmen vielleicht gar nicht immer so wirkungsvoll ist, wie erhofft. Manchmal hilft auch ein Weg- oder Loslassen. Bei anderen Dingen ist das auch so und vor allem natürlich beim Zinken:

In der jüngsten Ausgabe (6.21) der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ bin ich auf einen interessanten Artikel des Schriftstellers und Wissenschaftspublizisten Michael Springer gestoßen. Er beschreibt darin das Phänomen, dass zwar mathematisch betrachtet Addition und Subtraktion gleichrangige Grundrechenarten sind, wir Menschen aber dazu neigen, Probleme eher durch Hinzufügen zu lösen als durch Wegnehmen. In einer sozialpsychologischen Versuchsreihe sahen sich Probanden damit konfrontiert, z.B. eine wacklige Legokonstruktion zu stabilisieren oder ein Farbmuster symmetrisch zu gestalten. Obwohl das Hinzufügen von Elementen Spielgeld kostete, bevorzugten die meisten Testteilnehmer eine additive Lösung, indem sie stützende Legosteine einbauten oder Farbfelder hinzufügten. Dabei hätte es für jede der Problemstellungen eine elegante Lösung durch Wegnehmen von Legosteinen oder Farbfeldern gegeben. Auch nach Hinweis auf die Möglichkeit des Wegnehmens, blieben die meisten Probanden bei ihrer additiven Lösung.

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Schubser

Mitte Mai 2021 war ich nach einem nicht so ganz geglückten musikalischen Vortrag mit dem Zink kurzzeitig aus dem Gleichgewicht geraten, konnte meine Mitte aber recht schnell wiederfinden. Aber wie findet man eigentlich seine Balance und was passiert, wenn uns jemand oder etwas schubst? Hier meine Gedanken dazu:

In unserer Zeitung gab es vor ein paar Tagen einen Aufruf zum Schafe schubsen. Hier in Norddeutschland und vor allem an der Nordseeküste gibt es viele Schafe. Sie sind ein wichtiger Bestandteil des Küstenschutzes. Sie grasen auf den Deichen und mit ihrem sogenannten „goldenen Tritt“ trippeln sie mit den kleinen Hufen den Boden fest, so dass die Graswurzeln kompakt bleiben und die Erde und die Deiche insgesamt stabilisiert werden. Wenn die Schafe sich aber auf dem Rücken wälzen, kommen vor allem Rassen mit kurzen Beinen oder sehr dicke Schafe manchmal nicht mehr eigenständig auf die Beine zurück. Sie bleiben hilflos auf dem Rücken liegen, die Verdauungsgase sammeln sich im Pansen und sie verenden nach kurzer Zeit. Deshalb nun der Appell an alle Spaziergänger im norddeutschen Raum, wann immer man ein umgekipptes Schaf sehe, solle man beherzt ins Fell greifen und das Tier so schubsen, dass es wieder auf die eigenen Beine komme.

Häufig genügt ja wirklich ein kleiner oder auch mal etwas größerer Schubser, um wieder auf die Beine zu kommen, ins Gleichgewicht zu pendeln, das Leben in die richtigen Bahnen zu lenken, Fahrt aufzunehmen oder die Richtung zu ändern.

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