die Rose

hier eine der wenigen zinkfreien Geschichte, entstanden am 31.12.2017 nach einem Spaziergang:

Ein Nachbar von uns hat eine Christrose im Vorgarten. Sie lugt jedes Jahr im Winter versteckt unter anderen Büschen hervor. Wenn ich an ihr vorbeikomme erfreue ich mich immer sehr daran, dass sie tapfer zu einer Jahreszeit blüht, in der sonst alles trist und grau erscheint.

Heute am Silvestertag sind mein Mann und ich eine Runde spazieren gegangen und haben in einem anderen Garten einen Rosenstrauch entdeckt, an dem eine richtige weiße Rose blühte. Das hat mich sehr beschäftigt.

Als Mensch in einem westlichen Rechtsstaat habe ich ja grundsätzlich die Möglichkeit, nicht mainstream zu sein, sondern auch lesbisch oder gay oder bi oder trans oder inter oder queer. Ich kann mich also, wenn ich es denn wünsche, dem als LGBTIQ definierten Personenkreis hinzurechnen und zufrieden und im Einklang mit mir damit leben.

Was aber macht eine arme weiße Rose, die als normaler Rosenbusch in einem Garten steht und eigentlich eine Christrose sein möchte. Sie ist ja dazu verdammt, nur dann zu schillern und zu strahlen, wenn alle anderen Rosen das auch tun. Sie hat grundsätzlich erst einmal keine Möglichkeit, ihre Individualität oder ein empfundenes Anders-Sein auszudrücken oder auszuleben. Sie kann sich auch nicht mit gleichgesinnten Rosen vernetzen und sich so in ihrer Individualität stärken. Umso bemerkenswerter, dass diese eine Rose es trotzdem irgendwie geschafft hat zu erblühen, wenn alle anderen Rosen im Winterschlaf ruhen. Sie sieht wunderschön aus und erfreut mich zu einer Zeit, in der ich überhaupt nicht damit gerechnet habe etwas zu sehen, was in mir die Ahnung des kommenden Sommers erweckt. Ich bin beeindruckt von ihrer inneren Stärke und Haltung und wünsche mir, dass jeder Mensch, jede Rose, jede andere Pflanze und jedes Tier schillern und strahlen darf wann und wie er oder sie oder es das möchte.

Mein Vorsatz für das kommende Jahr ist übrigens: Das Jahr wird bunt!