Schubser

Mitte Mai 2021 war ich nach einem nicht so ganz geglückten musikalischen Vortrag mit dem Zink kurzzeitig aus dem Gleichgewicht geraten, konnte meine Mitte aber recht schnell wiederfinden. Aber wie findet man eigentlich seine Balance und was passiert, wenn uns jemand oder etwas schubst? Hier meine Gedanken dazu:

In unserer Zeitung gab es vor ein paar Tagen einen Aufruf zum Schafe schubsen. Hier in Norddeutschland und vor allem an der Nordseeküste gibt es viele Schafe. Sie sind ein wichtiger Bestandteil des Küstenschutzes. Sie grasen auf den Deichen und mit ihrem sogenannten „goldenen Tritt“ trippeln sie mit den kleinen Hufen den Boden fest, so dass die Graswurzeln kompakt bleiben und die Erde und die Deiche insgesamt stabilisiert werden. Wenn die Schafe sich aber auf dem Rücken wälzen, kommen vor allem Rassen mit kurzen Beinen oder sehr dicke Schafe manchmal nicht mehr eigenständig auf die Beine zurück. Sie bleiben hilflos auf dem Rücken liegen, die Verdauungsgase sammeln sich im Pansen und sie verenden nach kurzer Zeit. Deshalb nun der Appell an alle Spaziergänger im norddeutschen Raum, wann immer man ein umgekipptes Schaf sehe, solle man beherzt ins Fell greifen und das Tier so schubsen, dass es wieder auf die eigenen Beine komme.

Häufig genügt ja wirklich ein kleiner oder auch mal etwas größerer Schubser, um wieder auf die Beine zu kommen, ins Gleichgewicht zu pendeln, das Leben in die richtigen Bahnen zu lenken, Fahrt aufzunehmen oder die Richtung zu ändern.

Kindern gibt man häufig liebevolle Schubser unterschiedlicher Art und Intensität. Beim Anschubsen unserer Söhne beim Schaukeln habe ich seinerzeit zwar sehr ausdauernd Anschwung gegeben, die Jungs mochten es aber immer viel lieber, wenn mein Mann ihnen so kräftig Anstoß gegeben hat, dass ich gar nicht zuschauen mochte. Beim Schlittenfahren hilft ein kleiner Schubs von hinten, um so richtig Fahrt aufzunehmen und auch bei Seilbahnen oder Karussels auf Spielplätzen ist es gut, wenn man einen Anschubser hat.

Es gibt aber nicht nur die physischen Schubser. Man kann Kinder auch liebevoll und fürsorglich mit Worten, Gesten oder einfach auch mit dem Signal des Vertrauens in ihre eigenen Fähigkeiten in eine bestimmte Richtung oder später auch aus dem Nest schubsen. Es ist gut, wenn man es schafft, Ihnen das Zutrauen zu vermitteln, erste eigene Schritte zu wagen, Fahrrad ohne Stützräder zu fahren, das Schwimmbecken ohne Schwimmflügel zu durchschwimmen, alleine bei Oma zu übernachten, den eigenen Weg zu gehen und zu dem zu stehen, wie man eben ist. Je gefestigter ein Mensch dann später in seiner Persönlichkeit ist, desto schwieriger wird es, ihn aus dem Gleichgewicht zu schubsen.

Und im Leben begegnen uns ja nun ständig Dinge, die versuchen, uns aus dem inneren und äußeren Gleichgewicht zu bringen. Pandemien, Zahnwurzelentzündungen, eine Ratte im Schuppen, Unfälle, Fehlkommunikationen, Blähungen, Stolperwurzeln beim Joggen, tristes, nasses, kaltes und graues Novemberwetter im Mai, Krankheiten, verpatzte musikalische Vorträge mit dem Zink, nicht funktionierende Technik bei Videokonferenzen, Zugausfälle, unnötige Streitereien, Todesfälle, sich verändernde Strukturen im beruflichen Umfeld, physische und psychische Verletzungen, die Doppelzunge, plötzlich ausfallendes Internet kurz vor dem Ende der Übertragung eines spannenden Basketballspiels, nicht richtig ausgedrückte Zahnpastatuben, riesige dicke schwarze Spinnen, die mitten auf dem Sofa hocken und so weiter und so weiter.

Bei vielen dieser Störfaktoren haben wir die Fähigkeit, uns selber zu helfen und wieder ins innere oder äußere Gleichgewicht zu schubsen. Häufig hilft es schon, einfach ein paarmal tief durchzuatmen und zu akzeptieren, dass eine Situation nun mal so ist, wie sie ist. Einige Situationen wie Pandemien, Todesfälle, Zugausfälle oder das norddeutsche Wetter können wir eben einfach nicht ändern. Wir können aber bei Streitereien das versöhnende Gespräch suchen, den Partner bitten die dicke Spinne, die gerade noch auf dem Sofa war, zu finden und zu entsorgen, uns mit einer Wärmflasche auf dem Bauch ins Bett zurückziehen, die Internetverbindung wiederherstellen, die Zahnpastatube kommentarlos einfach richtig ausdrücken, einen Termin mit dem Rattenfänger vereinbaren, eine Schmerztablette nehmen, auf der Sachebene bleiben, trauern, bei kleineren Verletzungen ein Pflaster aufkleben oder die Beule kühlen. Wenn man das mal genau überlegt, gibt es häufig doch viel, was man selber tun kann, um wieder auf die Beine zu kommen.

Manchmal werden wir aber so sehr umgeschubst, dass wir umfallen und uns eben nicht wieder alleine aufrappeln können. In solchen Situationen brauchen wir auch als Erwachsene Hilfe von außen durch einen genau austarierten beherzten Schubser eines Experten oder den sanften Impuls einer mitfühlenden Seele.

Wenn ich die Doppelzunge wieder einmal nicht geschmeidig genug hinbekomme und den Zink am liebsten frustriert aus dem Fenster schmeißen möchte, benötige ich einen Tipp von meinem Lehrer, wie ich das vielleicht nochmal anders üben kann oder worauf ich besonders achten soll. Auf manchmal ganz einfache Lösungen komme ich nicht von alleine und bin auf externe Hilfestellung angewiesen. Wenn mein Zinkklang wieder in eine unschöne Richtung tendiert, brauche ich hin und wieder einen etwas beherzteren Schubser meines Lehrers in die richtige Klangrichtung. Nach einem verpatzten Vortrag mit dem Zink hilft für eine Einordnung des Geschehens ein mitfühlendes und aufmunterndes Gespräch mit einer beteiligten Instrumentalistin. Bei einer Krankheit oder nach einem Unfall sollte man zu einem Arzt gehen, der dann beurteilt, ob die Selbstheilungskräfte des Körpers ausreichen, um wieder zu genesen oder ob ein medizinischer Anschub der Heilung zum Beispiel in Form eines Gipsverbandes angezeigt ist, damit der gebrochene Knochen nicht irgendwie, sondern schön gerade wieder zusammenwächst.

Unerwartete und manchmal auch belastende, krankmachende oder fast unerträgliche Umstände können unserem Leben einen Schubs in eine andere Richtung geben als bisher. Gut ist es, wenn es gelingen kann die Schubser anzunehmen, aufzufangen und als Anschubenergie zu nutzen, um sich in eine positive Richtung weiter zu bewegen. Gut ist es natürlich auch, wenn man gar nicht erst so sehr umfällt, dass man hilflos auf dem Rücken liegt oder wenn man dann zumindest schnell gefunden und wieder aufgerichtet wird, so dass gar nicht die Gefahr besteht, dass man an den eigenen Blähungen qualvoll verendet.

Dass Schafe geschubst werden müssen, ist ein Phänomen, das zwar vorkommt und für das die norddeutschen Spaziergänger sensibilisiert sein sollten, aber ehrlicherweise habe ich persönlich bei meinen bisherigen Spaziergängen noch nie ein umgekipptes Schaf gesehen. Vielleicht stabilisieren sich die Schafe in einer Herde gewöhnlich alle gegenseitig, so dass ein einzelnes Schaf auch gar nicht so einfach umkippen kann.

Ich stelle mir vor, dass auch wir Menschen uns durch rechtzeitige sanfte Schubser gegenseitig unterstützen, aufmuntern und in die richtige Richtung lenken können, so dass ein Umkippen zur Seltenheit wird, wenn wir nur eng genug zusammenrücken, wenn wir uns gegenseitig Halt geben und stützen und wenn wir aufmerksam aufeinander aufpassen. Wir müssen als Menschen nur sehr darauf achtsam sein, dass wir nicht einfach ohne zu denken mit der Herde mitrennen. Wir sollten immer auch wahrnehmen, ob wir uns noch selbstbestimmt dahin bewegen, wo wir auch wirklich hinwollen oder ob wir gerade wie eine blöde Schafherde von Ängsten und Panik getrieben oder von irgendetwas oder irgendjemandem angeschubst halt- und ziellos einen norddeutschen Deich hinuntergaloppieren.

Falls wir dann stürzen und nicht wieder aufstehen können, kommt ja aber hoffentlich bald ein wohlmeinender Schäfer oder ein sensibilisierter Spaziergänger vorbei und gibt uns einen Schubs.