Orte

Mitte April 2021 ist eine Geschichte mit nur einem ganz kleinen Zinkanteil entstanden. Auslöser der Geschichte war, dass wir für unser Ensemble Weserwind einen digitalen Raum gefunden haben, in dem wir gemeinsam proben können. Das hat mich zum Nachdenken gebracht über reale und virtuelle Orte und Räume:

Es gibt Orte, an denen man sich unwillkürlich wohl fühlt, zur Ruhe kommt oder auch neue Kraft schöpfen kann. Von Mensch zu Mensch können das sehr unterschiedliche Orte sein, die diese Wirkung erzeugen. Für den einen ist es z.B. eine helle Waldlichtung oder ein sonniger Aussichtspunkt in den Bergen bei glasklarer Luft und weitem Blick, für den anderen eine einsame Stelle an einem rauschenden Fluss oder ein sonnenglänzender Strand am Meer mit dem rhythmischen Geräusch der Wellen im Hintergrund. Aber auch von Menschen gemachte Räume können eine beruhigende und entspannende Wirkung entfalten wie z.B. ein nach Holz duftender Tischlerschuppen, eine große, von Stille oder von Orgelklängen erfüllte Kathedrale, ein gemütlicher Sitzplatz im Garten, eine zugige Garage, in der bei lauter heavy metal Musik Motorräder oder Oldtimer liebevoll poliert werden oder ein Wintergarten, in dem Zitronenbäumchen blühen. Das Schöne ist, dass man sich an alle diese Orte nicht nur in der realen Welt, sondern mithilfe der Vorstellungskraft auch in seiner inneren Welt begeben kann.

In den augenblicklichen pandemischen Zeiten, in denen unser Bewegungsradius stark eingeschränkt ist, bin ich sehr froh, dass ich mich in unserem warmen und lichtdurchfluteten Wohnzimmer ausgesprochen wohl fühle und gut entspannen kann. Aber auch draußen auf unserer Terrasse, bei norddeutschen Minusgraden eingekuschelt in unsere noch nach Schaf duftenden Schweizer-Armee-Decken vor einem knisternden Feuer in unserem Gartenkamin und mit einem Becher heißem Glühwein in der Hand, kann ich wunderbar abschalten und neue Kraft tanken. Ob wir uns an bestimmten Orten wohlfühlen, hängt ab von vielfältigen Sinneseindrücken. Angenehme Gerüche gehören ebenso dazu wie Geräusche, Licht, Farben und Temperatur.

Es gibt aber auch von Menschen erschaffene Orte, an denen zumindest ich mich ausgesprochen unwohl, bedrückt oder betroffen fühle. Dazu gehören neben ehemaligen Konzentrationslagern, dem Anne-Frank-Haus in Amsterdam oder der Ankunftshalle von Ellis Island vor New York auch der nüchterne und kahle Ankunftsraum in einer Justizvollzugsanstalt, die ich zusammen mit meinen Kolleg:innen besuchen durfte. Dort ist im Boden ein großer Spiegel eingelassen, über den sich Insassen bei jedem (Wieder-) Eintritt in die Anstalt nackt hocken müssen, damit geschaut werden kann, ob sie in intimen Körperöffnungen etwas in das Gefängnis hineinschmuggeln wollen.

Einige begehbare Denkmäler sind bewusst so angelegt, dass die Besucher in eine nachdenkliche Stimmung geraten. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Zwischen den immer höher werdenden Granitsäulen kann man die Orientierung verlieren und fühlt sich sehr alleine und abgeschnitten von den anderen Menschen. Aber auch das sehr schlicht gehaltene Vietnam Veterans Memorial in Washington D.C. erzeugt eine gedämpfte Stimmung. Ein zunächst sanft abwärts und ab der Mitte wieder aufwärts führender Fußweg ist entlang einer Mauer aus schwarzem polierten Granit angelegt, in der die Namen der vermissten und getöteten Soldaten eingraviert sind. Mit jedem Schritt im Memorial werden die von der Straße kommenden Außengeräusche leiser bis es fast ganz still ist und da nur noch die unzähligen Namen auf der Mauer an die vielen Toten erinnern. Das ist schon sehr beeindruckend.

Es gibt auch Orte und Räume, die für sich genommen gar keine unmittelbar freundliche oder wohltuende Ausstrahlung haben, die aber durch die Menschen in Ihnen zu einem Ort werden, an dem man gerne oder zumindest nicht allzu gestresst verweilen mag. Meine Zahnarztpraxis beispielsweise, also ein Ort, mit dem man eher nicht so gute Erfahrungen verbindet, wird von einem überaus warmherzigen, mitfühlenden und empathischen Team von zwei Ärztinnen und einem Arzt geführt und der Umgangston in der Praxis sowohl zwischen allen Mitarbeitenden als auch mit den Patient:innen ist ausgesprochen wertschätzend und respektvoll. So ganz gerne gehe ich da nun zwar nicht hin, aber schon beim Empfang kann ich mich in der freundlichen Atmosphäre einigermaßen entspannen, meinen Fluchtimpuls überwinden und mich auf die Situation einlassen.

Das Bürogebäude, in dem ich arbeite, ist für sich genommen zunächst erst einmal ein nüchternes, 15-stöckiges Verwaltungsgebäude in unmittelbarer Nähe eines Sexshops und einiger Döner-Buden. Wenn ich wollte, könnte ich direkt vor dem Eingang Drogen erstehen. Der Eintritt ins Gebäude ist mittlerweile nicht mehr frei zugänglich und hin und wieder müssen menschliche Exkremente aus dem Treppenhaus entfernt werden. Auch die Atmosphäre in den langen Fluren und in den in Grautönen gehaltenen Büroräumen würde ich als eher trist beschreiben. Aber die Anwesenheit der Kolleg:innen, die kollegialen fachlichen Beratungen, lebensklugen Ratschläge, weisen Tipps, tiefgründigen und aufbauenden Gespräch und lustigen Kaffeepausen gleichen die Unzulänglichkeiten der Örtlichkeit mehr als aus. Zumindest dann, wenn wir uns nicht gerade in einer pandemischen Situation befinden wo es ja das Ziel ist, direkte Kontakte möglichst zu vermeiden und auf den virtuellen Raum zu verschieben. Von den realen Menschen weitestgehend entvölkert bleibt dann eben nur ein tristes, 15-stöckiges Bürogebäude mit wenig eigener Anziehungskraft übrig.

Mittlerweile sind wir alle einigermaßen fit im Umgang mit Online-Meetings und ich bin mit meinem Erscheinungsbild auf dem Bildschirm vertraut. Man kann tatsächlich viele Dinge online besprechen, aber einiges bleibt dabei dann eben doch auf der Strecke. Die Kommunikation läuft, erschwert durch technische Probleme und Zeitverzögerungen zwischen Bild und Ton häufig schleppend, gebremst und gezwungen diszipliniert. Spontane Reaktionen sind selten, Empathie kann nur begrenzt gelebt und emotionale Unterstützung nur über Bild und Ton kaum vermittelt werden. Eigentlich ist es ja aber auch logisch: in der virtuellen Welt und der digitalen Kommunikation fehlt eben alles das, was uns Menschen außer Sprache und Bild sonst noch ausmacht: menschliche Wärme, reale Zuwendung und Empathie, Berührungen, spontanes Reagieren auch auf nonverbale Signale, das Erspüren und Fühlen von Stimmungslagen des Gegenübers, auch wenn er nichts sagt. Aber immerhin gibt es überhaupt die Möglichkeit, sich in einem virtuellen Raum zu treffen und sich auszutauschen.

Gemeinsames Musizieren war in der virtuellen Welt bisher kaum zufriedenstellend möglich. Zinkunterricht habe ich seit längerem digital via Skype. Das funktioniert gut und ich habe auch einige Fortschritte machen können. Ein gemeinsames Musizieren geht aber über Skype wegen der verzögerten Übertragungswege nicht. So spielen oder singen die meisten musizierenden Menschen derzeit einsam und alleine vor sich hin und vermissen schmerzlich das gemeinsame Tun mit anderen Musikern. Hin und wieder hat man die Gelegenheit, sich mit großem Abstand, vorheriger negativer Testung und größtmöglicher Vorsicht in großen Räumen wie z.B. Kirchen zu treffen und dort zusammen zu musizieren. Das sind Sternstunden in der ansonsten doch eher trüben Zeit.

Es gibt aber tatsächlich auch in der digitalen Welt Orte, an denen man sich zum gemeinsamen Musizieren treffen kann. In unserem Ensemble Weserwind haben wir uns alle das notwendige technische Equipment angeschafft, um in den von ORLANDOviols unentgeltlich im digitalen Raum zur Verfügung gestellten Räumen in echt miteinander zu proben. Die ovboxen ermöglichen es, dass man ohne spürbare Zeitverzögerungen miteinander musizieren kann. Alle treten mit Kopfhörern auf den Ohren in einen virtuellen Raum ein. Da man sich nicht sieht muss man sich absprechen, wie z.B. die Einsätze koordiniert werden aber dann kann man losspielen und hört sich und die Mitspieler so wie in echt. Der eine posaunt mir von rechts ins Ohr, der andere von links, ein weiterer Zink steht gefühlt irgendwo hinter mir und ich bin viel zu laut. Die Aussteuerung kann man aber anpassen.

Es ist wunderbar, dass es diese Möglichkeit gibt. Sie kann zwar das echte miteinander Musizieren in der realen Welt eben auch nicht zu 100 % ersetzen, aber durch diese technische Lösung wird das Warten auf ein Ende der pandemie-bedingten Einschränkungen doch erheblich leichter.

Es ist schön und ich bin dankbar dafür, dass sich mir immer wieder neue reale, gedachte oder eben auch virtuelle Orte auftun, an die ich mich begeben und dort neue Kraft schöpfen kann.

ovbox Equipment