das Beste

Anfang April habe ich mir Gedanken darüber gemacht, ob wirklich immer alles perfekt sein muss. Das Thema hat bei mir recht lange quer-gesessen, bis dann die folgende Geschichte bei herausgekommen ist:

Es gibt auf der Welt ein paar unumstößliche Gewissheiten: die Würde des Menschen ist unantastbar, eine parlamentarische Demokratie unter rechtsstaatlichen Prinzipien ist die optimale Staatsform, ich backe die beste Pizza der Welt, mein Mann kocht den allerbesten Grünkohl und für unsere Kinder wollen wir alle nur das Beste. Dabei ist nun allerdings fraglich, ob das, was wir als das Beste für unsere Kinder halten, auch in ihren Augen oder objektiv betrachtet das Beste ist. Jede Sache hat ja bekanntlich drei Seiten: eine, die du siehst, eine, die ich sehe und eine, die wir beide nicht sehen.

In meinem Alltag verlasse ich mich häufig darauf, dass es ein objektives „Bestes“ gibt. Wenn ich Nudeln, eine Backform oder eine Waschmaschine kaufe, orientiere ich mich gerne an den neuesten Tests von „Stiftung Warentest“ oder „Ökotest“, damit ich weiß, welches der unzähligen Produkte auf dem Markt das Beste ist. Oft vertraue ich aber auch der Werbung und so weiß ich, dass die „beste jemals getestete Matratze“ nur 199,00 € kostet. In der Küche benutzen wir die „beste Pfanne“. Die heißt wirklich so und wir haben schon zwei Stück davon. Damit kann man auch tatsächlich ganz hervorragend braten. Sie hat aber einen Griff aus Kunststoff und wenn wir etwas erst anbraten und dann im Backofen weitergaren wollen, ist die beste Pfanne doch nicht so gut geeignet. Da müssen wir dann auf die gute alte Stahlpfanne zurückgreifen. Selbst die beste Pfanne hat also ihre Grenzen.

In der Politik gibt es neuerdings Gesetze wie das „Gute-KiTa-Gesetz“ oder das „Starke-Familien-Gesetz“. Eigentlich war ich bislang davon ausgegangen, dass die Fachleute in Berlin selbstverständlich gute und starke Gesetze machen und finde es ein wenig merkwürdig, dass man das extra noch einmal betonen muss. Immerhin hat die Politik realisiert, dass es vielleicht doch noch besser gehen kann. Die nächsten Gesetze könnten dann benannt werden als das „Beste-KiTa-Gesetz-der Welt“ oder das „Allerstärkste-Familien-Gesetz-aller-Zeiten“.

Bei meinen Zinkstudien strebe ich nach dem perfekten Klang. Dabei frage ich mich allerdings in letzter Zeit, ob es in der Musik überhaupt ein objektives Optimum gibt, das für alle Zeiten und Gelegenheiten unangefochten Bestand hat. Gedanklich gestolpert bin ich kürzlich über einen Zeitungsartikel, in dem Werbung gemacht wurde für das Konzert einer weltberühmten Sopranistin, die angekündigt wurde als die sowieso-beste Sängerin der Welt. Sie hat ohne Frage eine hervorragend geschulte Stimme und eine überragende Bühnenpräsenz aber mir fallen auf Anhieb ein paar Sopranistinnen ein, die ich sehr gerne höre und deren Stimmen ich viel lieber mag. Das Attribut „sowieso-beste“ Sängerin kann ich daher dieser einen Sopranistin nicht wirklich zuordnen. Und wenn sie sowieso die Beste ist, brauchen sich die anderen ja eigentlich auch gar nicht mehr anstrengen.

Seit ca. 10 Jahren höre ich bei verschiedenen Gelegenheiten  immer wieder einen jungen Tenor, der sich einfach unglaublich entwickelt hat. Mittlerweile halte ich ihn für einen der besten Tenöre überhaupt im Bereich „Alte Musik“. Eine romantische Oper würde ich mir aber von ihm nicht anhören wollen, da seine Stimme dafür nach meiner Auffassung nicht passt.

Vielleicht gibt es also abgesehen von meiner Pizza und den eingangs erwähnten anderen Gewissheiten gar nicht das eine absolute Optimum, sondern immer nur das Beste für den jeweiligen Anlass und Augenblick. Das bedeutet, dass ich z.B. in der Küche jeweils die für das geplante Gericht passende Pfanne wähle, die Nudeln kaufe, die uns am besten schmecken und beim Zinken gar nicht den einen absolut perfekten Klang anstreben muss, sondern mich drauf beschränken darf, im Rahmen meiner Möglichkeiten im jeweiligen Augenblick mein Bestes zu geben. Und dann kann ich ja einfach ganz gelassen hören, wie die Klangqualität so ist.

Ich finde, das ist der beste Plan der Welt.