Details

sind denn nun Details wichtig? Oder doch eher das große Ganze? Im August 2018 habe ich dazu folgendes überlegt:

Neulich habe ich im Wartezimmer einer Arztpraxis eine Illustrierte gelesen. Nachdem ich mich hinsichtlich der Sorgen und Nöte der europäischen Königshäuser und mir unbekannter Promis auf den aktuellen Stand gebracht hatte, bin ich auf einen interessanten Artikel gestoßen in welchem dem Leser dringend empfohlen wurde, aus gesundheitlichen Gründen die Fußmuskulatur zu trainieren. Besonders sollte man darauf achten, dass man jeden Zeh einzeln bewegen kann. Das habe ich dann zuhause gleich ausprobiert. Nun kann ich zwar die großen Zehen jeweils einzeln hoch und runter bewegen und auch die kleinen Zehen seitlich ein wenig abspreizen. Die drei mittleren Zehen bewegen sich aber immer nur im Gesamtpaket mit allen anderen Zehen zusammen, sind im Detail also nicht getrennt steuerbar. Allerdings scheint die Funktionsfähigkeit meiner Füße dadurch nicht eingeschränkt zu sein und eine Yoga Lehrerin hatte mir sogar einmal attestiert, dass ich meine Zehen äußerst elegant krümmen könnte. Das Gesamtgebilde „Fuß“ ist also schon irgendwie perfekt, auch wenn einzelne Details es nicht sind.

In der gestaltenden Kunst gibt es Bilder, bei denen es auf jedes Detail ankommt. Ich denke da zum Beispiel an die Wimmelbilder, auf denen man stundenlang Walter suchen und eine Unmenge von Einzelheiten entdecken kann. Oder die niederländische Malerei aus dem Goldenen Zeitalter, bei der man viele, häufig liebevoll und sehr genau ausgestaltete Details bewundern kann. Dagegen sind die einzelnen Pinselstriche, Farbpunkte oder Farbflächen bei einem Vincent van Gogh, Claude Monet oder Paul Klee im Detail absolut unvollkommen und fügen sich dann erst im Auge des Betrachters in ihrer Gesamtheit zu einem harmonischen Bild zusammen.

Bei Musik scheint das nicht so zu funktionieren, wie bei der bildenden Kunst. Während das Auge sich aus einem Durcheinander von einzelnen Farbklecksen ein schönes Bild denken kann, hören zumindest meine Ohren aus einem Wirrwarr von Klängen ohne erkennbare rhythmische oder intonatorische Ordnung keine schöne Musik heraus.

Aufgewachsen bin ich mit Bonanza, Zorro und vor allem mit dem Raumschiff Enterprise, und viele Details gerade dieser Serie prägen bis heute meine Vorstellung von den unendlichen Weiten des Weltalls. Mit viel Augenmerk auf alle Einzelheiten haben die Macher der Serie einen ganz eigenen Kosmos geschaffen. Natürlich wird die Menschheit irgendwann beamen können, gibt es außerirdisches Leben und werden wir Energie aus umweltfreundlichen Dilithium Kristallen gewinnen. Andere Details aus der Serie stimmen aber nicht. So ist es zum Beispiel höchst unwahrscheinlich, dass auf der überwiegenden Zahl der fernen Planeten die Zusammensetzung des Gases auf der Oberfläche irdischen Verhältnissen entspricht und Sauerstoffmasken überflüssig sind. Und Schallwellen können sich im Vakuum des Weltalls nicht ausbreiten, so dass dort absolute Stille herrscht.

Es stellt sich die Frage, wie wichtig eigentlich das einzelne Detail ist und wie viel Aufmerksamkeit man ihm widmen möchte. Nach dem Pareto Prinzip genügt es ja, 20 % seiner Energie aufzuwenden um ein akzeptables Ergebnis von 80 % zu erreichen. Um das Ergebnis dann noch zu verbessern, also die vollkommenen 100 % anzustreben, muss man sich mit den restlichen 80 % seiner Kapazität ungleich mehr anstrengen. Und genau an diesem Punkt sollte man dann hinterfragen, ob man wirklich ein hundertprozentiges Ergebnis abliefern möchte, oder ob nicht 80 % auch ausreichend sind.

Beruflich arbeite ich regelmäßig mit größeren Excel-Tabellen, in denen in bis zu 15 einzelnen Tabellenblättern Finanzierungen mit Volumina bis hin zu 2 Millionen Euro insgesamt im Detail errechnet und kalkuliert werden. Leider habe ich beim Entwickeln der Tabelle anscheinend nicht bei jeder einzelnen Formel, bei der es notwendig gewesen wäre, die Rundung auf zwei Nachkomma-Stellen definiert, so dass es im Gesamtergebnis beim Aufsummieren der Ergebnisse aller Tabellenblätter zu einer Rundungsdifferenz von bis zu 0,02 € kommen kann. An dieser Stelle habe ich entschieden, dass es zwar ärgerlich ist, dass ich beim Erstellen der Tabelle auf dieses Detail nicht genügend geachtet habe, dass aber eine Abweichung von nur etwa 0,00000001 % den immensen Aufwand, die Tabelle noch einmal komplett zu überarbeiten, nicht rechtfertigt.

Beim Zinken habe ich dagegen eine andere Entscheidung getroffen und versuche beim Üben 100 % zu geben. Seit etwas mehr als einem Jahr beschäftige ich mich ja nun mit der grundlegenden Technik des Zink-Spielens. Dabei ist ausnahmslos jedem einzelnen Ton, jedem Tonübergang, jedem Neubeginn und jedem Abschluss besondere Aufmerksamkeit zu widmen, sonst verrutscht der Klang sofort. Ein Zuhörer wird es augenblicklich bemerken, wenn ich gedanklich abschweife und „mal eben so nebenbei“ eine Phrase beende. Mogeln funktioniert beim Zinken leider überhaupt nicht. Aus der Konzentration auf jedes Detail, also dem bewussten Sein in jeder Sekunde des Spielens, entsteht dann aber irgendwann einmal wunderbare Musik. Zumindest hoffe ich das. Derzeit plage ich mich noch mit den vielen unterschiedlichen Elementen zur Erzeugung eines Klanges herum, die ich dann auch noch für jeden einzelnen Ton ein klein wenig unterschiedlich zusammensetzen muss. Ich bin also quasi auf subatomarer Ebene unterwegs und erarbeite mir die Details der Details.

Erste Erfolge deuten sich aber zaghaft an. Der Zinkenist Gawain Glenton hat kürzlich in einem Interview gesagt, dass der Zink, wenn man mit dem Instrument anfängt, so klingt wie eine sterbende Kuh. Über diese Phase bin ich mittlerweile hinaus. Die Geräusche einer sterbenden Kuh sind in meiner Vorstellung ziemlich laut. Beim Erarbeiten der Dynamik bin ich immerhin schon so weit fortgeschritten, dass ich hin und wieder auch mal leise spielen kann.

100 % Energieaufwand für das Zinken klingen nach einem sehr ambitionierten Vorhaben. Zunächst hatte ich geplant, die notwendige Energie durch Einsparungen in anderen Bereichen meines Lebens zu erwirtschaften. So könnte ich bei der Arbeit für bestimmte Aufgaben weiterhin nur 20 % Energie aufwenden, sofern ein Ergebnis von 80 % akzeptabel scheint. Und ich habe entschieden, meinen Trainer im Fitnessstudio eben nicht nach Trainingsmöglichkeiten für die einzelnen Zehen meiner Füße zu fragen. Die derzeitige Beweglichkeit meiner Zehen reicht mir für meine Bedürfnisse völlig aus, so dass ich auch hier keine weitere Energie für ein extra Training aufwenden muss und diese dann anderweitig einsetzen kann.

Oder geht es letztendlich gar nicht um ein effektives Bewirtschaften von Energie? Ist es nicht vielleicht doch eher so, dass wir in jedem einzelnen Augenblick unseres Lebens selbstverständlich unsere volle Energie zur Verfügung haben und sie natürlich und mit Leichtigkeit zu 100 % einsetzen können für das, was wir gerade tun? Und dass wir jedem einzelnen Detail dabei unsere volle Aufmerksamkeit schenken und es genießen können und auch sollten? Sei es nun beim Zehen-Wackeln, Bilder-Betrachten, Musik-Hören, Serien-Gucken, Excel-Tabellen-Entwickeln, Zinken oder auch zwischendurch einfach mal Ausruhen. Man muss es nur irgendwie schaffen, vollkommen im jeweiligen Moment zu sein und zu lieben, was man tut. Beim Zinken klappt das schon hin und wieder ganz gut, auch wenn ich beim Üben manchmal noch irritiert bin weil ich meine, irgendwo ganz leise eine sterbende Kuh zu hören.

Ich stelle mir vor, dass Kapitän Kirk von der USS Enterprise genau solche Gedanken im Sinn hat, wenn er vor dem Aufbruch zu neuen Abenteuern ruhig und besonnen das Kommando gibt: „Energie!“