Wege

Mitte März 2019 hatte ich etwas Pech mit meinen Zugverbindungen und der Weg zur Arbeit und zurück war ziemlich beschwerlich und zeitraubend. Aber rauben uns lange Wege wirklich unsere Zeit?

Alle Wege führen bekanntlich nach Rom. Aber steht nun eigentlich Rom im Mittelpunkt unseres Strebens oder ist der Weg das Ziel?

Im Verlaufe des Lebens tun sich viele Wege vor uns auf. Wir können sie beschreiten oder wir können uns dazu entscheiden, sie nicht zu gehen. Manchmal steht das Ziel des Weges im Fokus, manchmal aber auch der Weg selber. Bei Kleinkindern erwacht mit ungefähr einem halben Jahr das Bedürfnis, sich im Raum zu einem interessanten Gegenstand hin zu bewegen, sei es das bunte Spielzeug, eine tote Fliege auf dem Fußboden oder die spannende knallrote Steckdosenleiste. Zunächst ist das Vorankommen noch eher zufällig. Zum Teil robben die Kinder auch ungewollt und zunehmend frustriert immer weiter weg vom Gegenstand des Interesses. Schnell verfeinern sie aber in der Regel die Technik des Robbens und Krabbelns und lernen dann mit etwa einem Jahr das Laufen.

Kinder gehen mit Lust ihrem Bewegungsdrang nach, wenn sie sich frei entfalten können. Das Ziel bei Spaziergängen steht dabei zum Leidwesen der begleitenden Erwachsenen nicht im Vordergrund. Die Bewegung an sich bereitet Freude und es gibt auf dem Weg ja so tolle Sachen zu entdecken: der volle Mülleimer, die Pfütze, der Käfer, die Bordsteinkante, die Knallbeeren am Strauch und vieles mehr.

Erst sind die Kinder in Begleitung unterwegs, dann kommt aber der Tag, an dem sie das erste Mal alleine Brötchen holen dürfen oder den Schulweg selbstständig bewältigen. Und noch später kommt die Zeit, in der sie auf keinen Fall mit ihren Eltern spazieren gehen und sich auch sonst außerhalb von Sportangeboten wenig bewegen wollen und lieber mit Kumpels abhängen. Der Weg ins eigene Leben führt dann irgendwann weg vom Elternhaus und hin zu neuen Sozialräumen, Freunden, Erfahrungen, Städten und vielleicht auch Ländern und Kulturen.

Je häufiger wir später in unserem Leben die ausgetretenen, altbekannten Pfade verlassen und auch mal andere Wege gehen, desto spannender bleibt es. Beim Spazierengehen eröffnen sich z.B. völlig neue Perspektiven, wenn man die vertrauten Routen einfach mal andersherum geht.

In der Regel neige ich dazu, ohne nachzudenken gewohnte Pfade entlang zu trotten. In dem 15-stöckigen Bürogebäude, in dem ich arbeite, sind die Flure H-förmig angelegt. An den Stirnseiten befinden sich jeweils Treppenhäuser. Auf der Seite vom Haupteingang gibt es dazu noch drei Fahrstühle. Zur Toilette, zum Kopierraum oder zur zentralen Poststelle in der 11. Etage benutze ich immer dieselben Wege. Eine Zeit lang habe ich das Büro mit einem Kollegen geteilt, der Wert darauf legt und große Freude daran hat, denselben Weg nie zweimal hintereinander zu gehen. Man kann hier im Gebäude unter Einbeziehung der Treppenhäuser und Fahrstühle sehr viele verschiedene, lange und verschlungene Pfade gehen und mein Kollege variiert seine Wege ständig aufs Neue.

Vor einiger Zeit habe ich zusammen mit einer guten Bekannten ein Konzert in Oldenburg besucht. Wir sind zeitig losgefahren, weil auf der üblichen Strecke, die unser Auto eigentlich fast schon von alleine fährt, eine Baustelle eingerichtet war. Vor dieser kam es häufig zu langen Staus, sodass wir uns für eine Alternativstrecke entschieden haben. Auf der Fahrt haben wir uns intensiv und gut unterhalten und unbeabsichtigt bin ich auf der unbekannten Route einige zusätzliche Umwege gefahren. Wir haben es aber noch rechtzeitig zum Konzertbeginn geschafft. Nach Ende der Veranstaltung haben wir den blinden Bekannten eines Bekannten mitgenommen und nach Hause gebracht. Es war eine eigenartige Erfahrung, den Weg, den ich vom Auto bis zum Sitzplatz im Konzert noch so locker und selbstverständlich gegangen war, nun in umgekehrter Richtung zurückzulegen und dabei einen blinden Menschen zu führen. Das hatte ich vorher noch nie gemacht. Was sonst kein Problem darstellt, war nun in Teilen eine echte Herausforderung für mich: die Treppen hinabsteigen, Menschenansammlungen ausweichen, den Bordstein hinuntergehen und die Straße überqueren und dann auch noch über eine matschige Grasfläche hinweg ins Auto einsteigen. Der Rückweg zum Auto hat sich jedenfalls komplett anders angefühlt als der Hinweg.

Vor nunmehr fünfeinhalb Jahren habe ich meinen Arbeitgeber gewechselt. Bis dahin war ich zur Arbeit fünf Minuten mit dem Fahrrad unterwegs, nun pendle ich jeden Tag eine Stunde pro Richtung mit der Bahn. Da es das Ziel aber wert ist, machen mir die langen Strecken und Fahrtzeiten nichts aus. Es gehört jetzt eben dazu, dass ich so lange unterwegs bin und ich nehme vor allem die ganzen positiven Aspekte wahr. So habe ich zum Beispiel im Zug die Zeit zum Zeitunglesen oder Augen zumachen und Vor-mich-hinträumen. Außerdem kann ich viele spannende Geschichten von meinen Mitreisenden erfahren, wenn ich die Gespräche oder Telefonate ungewollt mithöre. Täglich sehe ich darüber hinaus viele bekannte und mittlerweile vertraute Gesichter und weiß auch schon genau, wer an welcher Haltestelle ein- oder aussteigt. Manchmal gibt es auch viel zu lachen. Gerne erinnere ich mich an einige besonders gelungene Durchsagen des Zugpersonals wie zum Beispiel: „Endstation ist heute Bad Zwischenahn. Machen Sie sich nichts daraus, da kann es auch ganz schön sein.“ Oder einmal im Herbst: „Wir haben heute leider eine Verspätung von ca. 15 Minuten. Grund dafür sind schlüpfrige Schienen.“

Beim Zink-Lernen bin ich nun seit bald zwei Jahren auf dem Weg und auch hier stelle ich mir immer wieder mal die Frage, ob denn nun das Ziel im Fokus steht oder der Weg. Für das Studium des Zink benötigt man eine unglaublich hohe Resilienz, also die Fähigkeit, Rückschläge zu verkraften und weiter zu machen. Als Ziel meiner Studien stelle ich mir nicht „Bad Zwischenahn“ vor, sondern „Rom“, wo es definitiv sehr schön ist. Der Weg dahin ist allerdings gespickt mit schlüpfrigen Schienen, umgestürzten Bäumen, Böschungsbränden, blockierten Türen, Baustellen oder einfach nur allgemeinen Störungen im Betriebsablauf. Manchmal bewege ich mich auch rückwärts, wenn irgendwo eine Weiche falsch gestellt war und ich in die verkehrte Richtung unterwegs gewesen bin. Bei heftigen Orkantiefs oder sonstigen extremen Wetterlagen geht dann auch von Zeit zu Zeit mal gar nichts mehr. Der Fahrdienstleiter bringt mich aber gewöhnlich wieder auf Kurs, plant für mich den besten Weg, räumt Hindernisse beiseite, klassifiziert die auf die Schienen gestürzten Bäume als in der Realität lediglich kleine Zweiglein, die ich nicht weiter beachten muss und navigiert mich mit sicherer Hand und ganz viel Überblick durch das Chaos.

Möglicherweise existiert der Unterschied zwischen Weg und Ziel nur in meiner Vorstellung, weil ich einfach voraussetze, dass ein Weg etwas Dynamisches ist und das Ziel ein statischer Punkt, den es irgendwie und mit aller Kraft zu erreichen gilt. Ein Weg ist ja aber letztlich nur eine Aneinanderreihung von vielen einzelnen statischen Punkten. Auf jedem von ihnen kann ich verweilen und mich dann von da aus neu orientieren und in irgendeine beliebige Richtung weiterbewegen. Und das Ziel ist vielleicht gar nicht das absolute Ende oder der letzte statische Punkt einer langen Reihe. Vielleicht geht es auch von da aus dynamisch in viele verschiedene Richtungen weiter.

Im Ergebnis führt diese Überlegung dazu, dass sich ein möglicher Unterschied zwischen Weg und Ziel in nichts auflöst. Damit bin ich einerseits immer auf dem Weg und andererseits immer gerade irgendwo an einem Ziel angekommen. Der Moment, an dem ich mich beispielsweise beim Zinken jetzt gerade befinde, scheint nicht „Bad Zwischenahn“ zu sein und auch längst noch nicht „Rom“, aber möglicherweise bin ich gerade in „Hude“ und wer weiß, vielleicht ist es da ja auch ganz schön.  

Es ist damit also unerheblich, ob ich den gegenwärtigen Zeitpunkt als Weg oder Ziel definiere. Weder der Weg noch das Ziel stehen im Fokus, sondern der momentane Augenblick, und zwar völlig unabhängig davon, wie er benannt oder in meiner Vorstellung definiert ist. Das hat für mich die Konsequenz, dass ich mich hier und jetzt in Hude erstmal frohgemut an die Beseitigung der Türstörung mache und dann einfach gelassen abwarte, wie und wohin es weitergeht. Vielleicht erreiche ich irgendwann einmal Rom, vielleicht auch nicht. Egal! Hier ist es auch schön!