Kleidung

Anfang Dezember 2020 hat mich das Turmblasen zum Nachdenken gebracht über Vorurteile und Schubladendenken:

Kleider machen Leute. Bewusst oder unbewusst schätze ich andere Menschen auf den ersten Blick ein und mache mir ein Bild von ihnen. Ihre Kleidung hilft dabei. Einen Menschen in einem Krankenhaus, der einen weißen Arztkittel trägt, ordne ich als Arzt ein. In der Regel habe ich dann auch gleich schon eine passende Schublade für ihn: gute Schulbildung, Lateinkenntnisse, hohes Einkommen, möglicherweise musisches Hobby, hört auch klassische Musik usw. Einen Menschen in der entsprechenden Uniform erkenne ich als Soldaten oder Polizisten, jemand in der Kirche mit einem schwarzen Talar wird ein Pfarrer sein und jemand in einem Anzug vielleicht ein Rechtsanwalt, Börsenmakler oder Mitarbeiter in der Teppichetage in einem größeren Konzern. Und ein Mensch, der sich im Winter in mehrere schmuddelige Kleidungsstücke übereinander einmummelt, hat wahrscheinlich keinen festen Schlafplatz.

Als Mitarbeiterin einer Behörde kleide ich mich in der Regel gut und wenn wichtige Termine mit Außenwirkung anstehen auch schon mal etwas schicker. Wenn ich mich den Erwartungen und Gepflogenheiten anpasse und beispielsweise bei Gerichtsterminen ein eher konservatives Kostüm in gedeckten Farben trage, entspricht das zwar nicht unbedingt meinem persönlichen Geschmack aber zu der Rolle, die ich übernehme, passt das gut. Daher fühle ich mich in dem Outfit in diesen Situationen wohl und dem Geschehen zugehörig.

Corona würfelt nun auch im Kleidungsbereich vieles durcheinander. Mittlerweile bin ich viel im Homeoffice tätig und muss ein wenig auf mich aufpassen, dass ich nicht total verlottere. Es ist gut, dass wir Videokonferenzen haben, sodass ich zumindest oben herum auch mal eine etwas schickere Bluse anziehen muss. Dass ich ansonsten unten herum in bequemer Gymnastik- oder Jogginghose herumsitze, sieht ja keiner. Kürzlich habe ich mich einmal extra fein herausgeputzt, weil ich erstmals an einem Online-Kongress teilgenommen habe. Eigentlich hätte ich mir ja denken können, dass die Kameras der ca. 100 Teilnehmenden ausgeschaltet bleiben, sodass ich eigentlich auch mit T-Shirt und Jogginghose hätte teilnehmen können. Aber zu einer besonderen Gelegenheit fühlt es sich doch eben gut an, wenn man sich ein wenig herausputzt. Das tun wir ja schließlich auch wenn wir heiraten, schick essen gehen oder ein Konzert besuchen. Und auch wenn ich einmal in einem Sarg liege, möchte ich das nicht in verwaschenem T-Shirt und Jogginghose tun, sondern doch lieber angemessen für diese besondere Gelegenheit bekleidet sein.

Mit Kleidung kann man sich auch motivieren. Wenn es einem nicht gut geht, kann man sich natürlich demonstrativ mausgrau kleiden, man kann aber auch gerade extra etwas Schönes und Buntes in fröhlichen Farben anziehen. Manchmal hebt das die Stimmung. Da in der augenblicklichen Pandemie die Fitnessstudios geschlossen sind, habe ich in letzter Zeit wenig bis gar kein Sport gemacht. Das konnte so nicht weitergehen, aber ich konnte mich auch nicht aufraffen, einfach los zu joggen. Daher habe ich mich selber ein wenig ausgetrickst und mir eine schöne neue Sportjacke und ein schickes langärmliges Sport-Shirt gekauft. Da war ich dann ja sozusagen gezwungen, wieder mit dem Joggen anzufangen. Das wäre ja sonst wirklich zu schade gewesen um das schöne Geld, das ich für mein neues Sport-Outfit ausgegeben habe.

Auch für mein Zinken ist die Wahl der richtigen Kleidung von großer Bedeutung. Zinken ist ja so eine Art Ganzkörpertraining und mir wird dabei immer recht warm. Gute Klangergebnisse erziele ich mit luftiger, atmungsaktiver Kleidung im Zwiebellook. Dabei darf mich die Kleidung aber auf keinen Fall in meiner Bewegungsfähigkeit einengen.

In der Adventszeit habe ich aktuell eine neue Herausforderung angenommen und beteilige mich am Turmblasen. Regelmäßig im Wechsel musizieren ein Trompeter und ich mit meinem Zink adventliche Choralmelodien von unserem örtlichen Kirchturm. Dort oben ist es kalt und zugig, sodass ich mich warm anziehen muss. Die Erfahrung, dass es sich eingezwängt in eine steife Winterjacke mit dickem Pullover drunter nicht so optimal bewegungsfrei zinken lässt, habe ich bereits gemacht und bin deshalb auf eine Lösung mit mehreren dicken Pullovern übereinander gekommen. Und ich brauchte mir für das Turmblasen keine neue Kleidung kaufen. Im Gegenteil ziehe ich immer dieselbe alte Hose an, die mittlerweile meine „Turmzinkhose“ geworden ist und als obersten dicken Pullover immer denselben „Turmzinkpullover“. Der steile Aufgang zum Turm ist etwa einen Zink breit und die (dreckigen) Stufen sind gefühlt einen Zink hoch und einen drittel Zink tief. Jedenfalls sind der Auf- und vor allem der Abstieg abenteuerlich und Hose und Pullover werden ziemlich schmutzig dabei, ich wasche sie auch schon gar nicht mehr. Das lohnt den Aufwand gar nicht.

Wenn mich nun jemand sieht, wie ich vom Kirchturm wieder hinabgestiegen bin, in mehrere Lagen dicker und dreckiger Klamotten eingemummelt und abgekämpft und erschöpft vom Zinken unter widrigen Umständen, möchte ich schon manchmal gerne wissen, was andere Menschen sich wohl so für ein Bild von mir machen. Wie eine Pastorin sehe ich jedenfalls bestimmt nicht aus, wenn ich aus der Kirche trete. Auf eine Behördenmitarbeiterin wird wahrscheinlich auch kaum jemand intuitiv kommen.

Einen Schlafplatz hat mir bisher noch niemand angeboten. Aber wer weiß was möglich ist, wenn ich meine Sachen nach dem Turmblasen nicht in unser Auto lade, sondern in einen Einkaufswagen oder unseren alten Bollerwagen. 

Komisch eigentlich, dass ich immer meine, mir auf den ersten Blick ein Bild von andere Menschen machen zu können und sie auch anhand ihrer Kleidung gleich in eine bestimmte Schublade stecke.

Kunstwerk eines unbekannten Künstlers in den Bremer Wallanlagen