Tanzen

Ende Januar 2018 habe ich mich mit der Einheit von Musik, Bewegung und Vorstellungen beschäftigt. Nicht nur beim Zinken ganz wichtig:

Musik, Bewegung und Bilder bzw. Vorstellungswelt sind nach meiner Auffassung untrennbar miteinander verbunden. Es gibt Musik, die mir in die Beine fährt, so dass ich auf der Stelle lostanzen könnte. Andere Musik lässt mich leicht werden und schweben. Manchmal gerät auch nur mein Innerstes in Bewegung und ich bin ganz still während mir die Tränen über das Gesicht laufen. Wenn ich in Konzerten sitze und irgendetwas nicht stimmig ist, spanne ich mich unwillkürlich an. Das passiert zum Beispiel wenn ich den Eindruck habe, dass der eine oder andere Holzbläser vielleicht doch noch mal nachstimmen sollte, die Bässe immer einen Hauch zu spät kommen, der Solist eine völlig andere Vorstellung hat vom Stück als der Rest des Orchesters oder in einem Ensemble unterschiedliche Tempovorstellungen vorhanden sind. Ich dirigiere dann verstohlen aber energisch mit, runzele die Stirn, schüttele den Kopf, klopfe den Takt mit dem Fuß oder trommle ihn zumindest mit den Fingern auf mein Bein. Das hilft den Musikern zwar nicht wirklich und irritiert hin und wieder meine Sitznachbarn, mindert aber meine Anspannung.

Bilder, Vorstellungen  oder natürlich auch Erinnerungen und Emotionen entwickeln sich beim Zuhören von Musik automatisch in mir. Das kann eine Sommerwiese sein, ein Sonnenuntergang, eine tanzende Gesellschaft oder eine Filmszene, pures Glück oder tiefe Traurigkeit, das Repertoire ist nahezu unbegrenzt.

Auch beim eigenen Musizieren spielt die Einheit von Musik, Bewegung und Bildern eine entscheidende Rolle. Mit großer Lust und Freude spiele ich in einem Ensemble mit und meine Noten strotzen nur so vor an den Rand gekritzelten Regieanweisungen. Viele davon zielen ab auf meine Vorstellungswelt, einige beziehen sich aber auch auf konkrete äußere Umstände. Randnotizen sind zum Beispiel: Gefühl wie Weihnachten, Holzschuhtanz, Kerze anzünden, Eisbärfell vor offenem Kamin, fröhlich, andächtige Erwartung, derb, affektiert, beschwingt, klirrende Kälte, beiläufig,  Stütze halten, weiter Hals, viel Luft, Einsatz von rechts, vierter Finger hoch usw. Ich weiß nicht wie es funktioniert, aber die Klänge verändern sich beim Denken an unterschiedliche Bilder oder Gefühle bzw. beim Beachten der eher technischen oder körperlichen Anweisungen. Wenn wir Pavanen, Galliarden, Sarabanden oder ähnliches musizieren hilft mir zudem die Vorstellung, dass da tatsächlich Menschen zur Musik tanzen. Und natürlich wiege und schaukele ich hin und her, gebe Impulse mit der Einatmung und schwinge im Idealfall zusammen mit den anderen Ensemblemitgliedern. 

Als neues Instrument habe ich mir ja nun den Zink ausgesucht und bin immer noch in dem Stadium, dass ich nur lange Töne halte. Ehrlicherweise eigentlich nur einen Ton, das „g“. Für mich ist es sehr abstrakt und dadurch sehr anstrengend, den Klang nur eines langen Tones ohne irgendeinen musikalischen Zusammenhang, Botschaft oder Intention zu verändern. Dazu soll ich jetzt auch noch, wenn ich den idealen Klang gefunden habe, in Schrittstellung tief in die Knie gehen und mich bewegen. Aber wie, bitteschön, tanzt man zu einem langen Ton ohne Melodie und Rhythmus wenn man erschwerend die Füße nicht bewegen sollte?

Als Gebhard im letzten Unterricht erstmals wirklich erwartet hat, dass ich das tue, blitzte zu meinem Erschrecken als spontane Assoziation sofort der Hit „Atemlos“ von Helene Fischer bei mir im Kopf auf. Eigentlich ist das ja nun überhaupt nicht meine Musikrichtung. Die Vorstellung konnte ich schnell und erfolgreich wieder verdrängen. Anderenfalls wäre der Unterricht aber auch gar nicht weiter gegangen vor lauter Lachen über das Bild, das ich da abgebe, wenn ich wie eine wackelnde Hula-Elvis-Figur zu einem Lied tänzele, das nur ich höre und nicht mal mag,  während ich gleichzeitig versuche, ein langes ödes „g“ stabil zu halten.

Aber die Idee hat sich in meinem Kopf festgesetzt und ich habe zuhause beim Üben dann mal ausprobiert, an verschiedene Rhythmen zu denken und das dann in Bewegung umzusetzen. Disco Fox und Galliarde gehen als Grundlage für einen langen Zink-Ton zumindest bei mir nicht so gut. Vielleicht kann ich diese Rhythmen später nutzen, wenn ich auch mal ein paar schnellere Töne spielen darf. Im Walzertakt vor- und zurückwiegen hat den Ton tatsächlich entspannter und irgendwie satter klingen lassen. Als die für mich beste Lösung hat sich, nach weiteren kurzen Experimenten mit Tango, Pavane und Foxtrott dann aber die Rumba herauskristallisiert. Da schaukele ich nicht nur vor und zurück wie beim Walzer sondern wiege mich auch in den Hüften noch seitwärts, biete dem Zink-Klang also sozusagen ein rundes, weiches und weites, dabei aber stabiles und gleichzeitig bewegliches Fundament. Wenn dann irgendwann noch mehr Töne dazukommen versuche ich es vielleicht auch noch mal mit Cha-Cha-Cha.

Um die Einheit von Musik, Bewegung und Bildern herzustellen, wird als nächster Schritt wahrscheinlich anstehen, dass ich zusätzlich noch verschiedene Bilder im Kopf aktiviere um unterschiedliche Klangfärbungen zu erreichen. Also meine Rumba Bewegungen mit der Vorstellung von klirrender Kälte kombiniere oder im direkten Vergleich dazu mit der Assoziation „Eisbärfell vor Kaminfeuer“. Ich bin schon ganz gespannt auf den Klang von Rumba mit Holzschuhen. Und das Bild von dem Hula-Elvis sollte sich bei mir besser gar nicht erst im Kopf festsetzen, sonst wird das vor lauter unangemessener Heiterkeit nichts mit schönen Zink-Klängen.