Wörter

im Februar 2019 habe ich mich mit Wörtern beschäftigt:

Wörter begleiten uns ein Leben lang und ermöglichen uns eine Form der Kommunikation mit unseren Mitmenschen. Bei Babys warten wir gespannt auf das erste Wort, das sie formen und ob es wohl „Mama“ oder „Papa“ sein wird. Bei unseren Kindern waren es übrigens zweimal das Wort „Ball“ und einmal „Auto“. Stetig erweitern wir dann unseren Wortschatz, imitieren die Sprachmelodie und bekommen ein Gefühl für die richtige Grammatik unserer Muttersprache.

In der Schule lernen wir, die Wörter orthographisch richtig zu schreiben und machen auch erste Erfahrungen damit, mit ihnen zu spielen, sie zu reimen, mit ihnen Lückentexte auszufüllen, Synonyme zu finden usw. Irgendwann kommt dann das Kapitel Poesie und wir beschäftigen uns mit Gedichten, die wir zumindest zu meiner Schulzeit auch noch auswendig lernen mussten. Da vergeht dann den allermeisten Schülern recht schnell die Lust an der Sprache, und das Empfinden für die Schönheit so manchen Gedichtes und die Wortgewalt so mancher Ballade bildet sich, wenn überhaupt, vielleicht irgendwann später einmal im Erwachsenenalter.

Jugendliche entwickeln ihre eigene Sprache mit Wörtern, die sich uns Erwachsenen nicht unbedingt erschließen. Jede Generation hat ihre eigene Sprache. Wenn ich manchmal versucht habe, mit Begriffen meiner eigenen Jugendsprache bei meinen Jungs Eindruck zu machen, fanden sie das mit Glück erheiternd, sonst aber eigentlich eher ziemlich peinlich.

In unterschiedlichen Lebensbereichen benutzen wir in der Regel auch unterschiedliche Wortschätze. Im Verwaltungsdeutsch, das ich in meinem Arbeitsalltag anwende, gibt es viele schöne und aussagekräftige Wörter, vor allem Adjektive. So kann ich z.B. die vorhandenen Ressourcen effizient einsetzen,  Angebote passgenau maßschneidern, Statistiken ergebnisorientiert entwickeln, Maßnahmen zielführend planen oder auch ergebnisoffen in Besprechungen gehen. Ein besonders schönes neues Adjektiv habe ich kürzlich in einem juristischen Aufsatz gelesen und es unverzüglich in mein Verwaltungsvokabular aufgenommen. Es handelt sich um das Wort „denklogisch“.  Wenn ich meine Schriftsätze fortan beginne mit dem Eingangssatz: „Bei denklogischer Betrachtung des vorliegenden Sachverhaltes ist festzustellen, dass …“ mache ich zum einen deutlich, dass ich nicht nur stupide und sinnentleert vor mich hinarbeite sondern tatsächlich beim Arbeiten auch denke. Zum anderen wird klar, oder ich erwecke zumindest den Eindruck, dass ich gewillt bin, Logik zu erkennen und auch anzuwenden.

Das Wort hat mich aber auch ein bisschen zum Nachdenken gebracht. Was gibt es denn anderes als eine Logik, die sich durch Denken erschließt? Dazu ist mir eingefallen, dass es auch Bewegungs-Logik gibt. Wenn ich zum Beispiel versuche, einen Liegestütz zu machen, plumpse ich auf den Bauch, weil mir die entsprechende Muskulatur fehlt.  Wenn ich eine Fitnessübung auf dem Pezziball ausführe und die Bauchmuskeln nicht anspanne, falle ich runter. Wenn man beim Autofahren nach links lenkt, dann eine kleine Spinne am Armaturenbrett  entdeckt und diese entfernt, indem man mit dem rechten Arm durch das Lenkrad greift, fährt das Auto so lange immer weiter nach links, bis der Arm wieder zurückgezogen wird. Wenn ich meine Finger nicht geschmeidig genug bewege, kann ich nicht gut Klavier spielen. Und wenn sich mein Zwerchfell verknotet hat, bringe ich keinen schönen Zinkton hervor.

Dies bringt mich auf einen anderen Bereich der Logik: die Hör-Logik. Wir sind ja ohne weiteres fähig, einen angefangenen Satz, den wir hören, zu vervollständigen oder Reimwörter zu finden. Wenn ich die ersten sieben Töne einer Tonleiter höre, muss zwingend als letzter und achter Ton die Oktave erklingen, alles andere klingt völlig falsch. Verstimmte Holzbläser fügen sich in die Intonation eines Ensembles nicht vernünftig ein, stören den Gesamtklang und zumindest mein Zwerchfell verknotet sich dann. Ein Knoten im Zwerchfell scheint damit so eine Art Schnittmenge zu sein zwischen Bewegungs-Logik und Hör-Logik.

Genaues Hinhören trainiere ich derzeit bei meinen Zinkstudien. Es ist unfassbar, wie unterschiedlich ein einziger Ton klingen und wie detailliert man am Klang arbeiten kann. Mein Zinkklang ist leider noch nicht so stabil, wie ich das gerne hätte und ist jeden Tag aufs Neue wieder ein bisschen anders gefärbt. Das Spektrum der Beschreibungen reicht dabei von rauschig, schief, flach, erdig, eierig, wacklig, ausgelatscht, breit, farblos, ausgefranst, eindimensional, heiser, wattig über klar, rein, locker, leicht, fein,  glockig, definiert, rund, obertonreich bis hin zu perfekt, edel und brillant.   

Beim Weingenuss fehlt mir demgegenüber häufig das beschreibende Vokabular.  Das liegt aber auch daran, dass ich scheinbar nicht über die erforderlichen feinen Geschmacksnerven verfüge. Beim Wein habe ich drei Kategorien: schmeckt, schmeckt nicht oder schmeckt gut.  Natürlich könnte ich auch darüber fachsimpeln, dass sich beim Abgang ein Hauch von Tabak herauskristallisiert, fruchtige Noten von Himbeere und Cassis und ein Anflug von Süßholz hervortreten gegenüber den erdigen und mineralischen Komponenten des Gesamt-Bouquets und dass der Wein vorne, mittig oder hinten sein volles Aroma entwickelt. Da ich das aber ehrlicherweise in der Regel nicht schmecke, hebe ich mir dieses gesamte Weinvokabular auf für Weinproben, bei denen ich dann gegenüber dem Fachpersonal mit effizient eingesetzten und passgenau vorgebrachten Anmerkungen zu beeindrucken weiß.

Der Bremer Ratskeller bietet eine interessante Führung an zum Thema Wein und Schokolade. Erst mal klingt das ja eigentlich so, als wenn das nicht gut zusammengeht und beim Beginn der Führung gab es dann auch noch Prosecco mit weißer Schokolade. Beides ist schon jeweils alleine für sich genommen für mich nicht verlockend, daher war der Start nicht so vielversprechend. Im Verlaufe der Führung wurde es aber immer lustiger und vor allem auch geschmacklich überzeugender. Außerdem konnte ich die übrigen Teilnehmenden mit einigen wohlklingenden Fachkommentaren von meiner Kompetenz in Sachen Wein überzeugen. Am Ende gab es dann ein Highlight, das bis heute unvergessen ist. Es wurde uns ein dunkler, schwerer Rotwein gereicht zusammen mit einer hochwertigen Schokoladencreme. Beides zusammen hat im Mund eine derartige, unvorstellbar wunderbare Geschmacksexplosion ausgelöst, dass sich alle überwältigt, sprachlos und mit großen Augen angeblickt haben. Manchmal fehlen einem die Worte.

Kürzlich haben mein Mann und ich uns einen richtig guten Weißwein gegönnt. Schon die Farbe, ein dunkles, sattes Goldgelb, war ein Genuss. Und der Geschmack war unbeschreiblich gut. Irgendwie hat der Wein weder vorne, noch mittig oder hinten im Mund geschmeckt sondern sein volles Aroma im kompletten Mundraum entfaltet, ist dabei auch nicht ausgefasert sondern blieb klar definiert und rund. Beschreibende Adjektive sind uns nicht eingefallen. Mein Mann sagte dann irgendwann: der Wein schmeckt so, wie dein neuer Zinkton klingt. (…) Manchmal fehlen mir die Worte.

Wenn ich mir meine bisherigen Geschichten, mit dieser sind es jetzt 23, anschaue, fällt mir auf, dass ich in 82,61 % meiner Texte irgendwo anfange und irgendwie und irgendwann, zum Teil auf verschlungenen Wegen, dann doch immer beim Zink lande. Man könnte sagen: alle Wege führen zum Zink. Oder anders formuliert: Bei denklogischer Betrachtung der bisher vorliegenden Geschichten ist festzustellen, dass der überwiegende Teil von ihnen zinkführend aufgebaut ist.

Ich liebe neue Wörter!