Scannen

Beim Einscannen meiner Bildergeschichte (Die kleine Ente) kam mir Anfang Mai 2019 die Grundidee zu einer neuen Geschichte. Und als ich dann kürzlich einmal aus Versehen eine schlecht sitzende Jeans anhatte, haben sich viele lose Fäden miteinander verknüpft und herausgekommen ist die folgende Geschichte:

Als ich in der 7. oder 8. Klasse war, bin ich in der Schule eines Tages nach der Pause wieder in den Klassenraum zurückgekehrt. Ein paar der blöden Jungs hatten sich zusammengerottet und waren auffällig am Kichern und gestikulierten in meine Richtung. Einer von ihnen hatte so eine komische Brille auf der Nase und hat mich grinsend durch die Brillengläser betrachtet. Ich war ziemlich verunsichert von der Situation. Die Jungs haben mich dann irgendwann aufgeklärt: durch diese Brille konnten sie durch meine Kleidung hindurch bis auf meine Haut sehen. Das hat mich und die anderen Mädchen natürlich noch weiter verunsichert und aufgeschreckt und ich weiß bis heute nicht, wie diese Brille damals eigentlich funktioniert hat. Weil die Jungs nicht wollten, dass ich durch ihre Kleidung hindurchsehe, durfte ich die Brille nicht testen.

Das ist alles nun schon ein paar Jahrzehnte her. Mittlerweile hat sich die Technik weiterentwickelt und es gibt derartige Körperscanner auch in groß. Sie sorgen z.B. an Flughäfen für mehr Sicherheit. Gepäck wird dort ja sowieso seit Jahren schon gescannt.

Abbilder von realen Dingen kennen wir in Form von gemalten Bildern, Fotografien, Fotokopien oder Scans. Beim Einscannen der Bilder meiner letzten Geschichte habe ich mich wieder ein bisschen einfuchsen müssen in das entsprechende Computerprogramm und musste einige Entscheidungen treffen hinsichtlich Vorlagenart, Auflösung, Farbgebung und Qualität insgesamt. Es ist praktisch, dass ich meine Bildergeschichte jetzt digital zur Verfügung habe und weitergeben kann. An die Originalblätter kommt die Scanversion aber nicht heran. Die Bilder habe ich mit Wachsmalstiften gemalt und die Oberfläche der Originale ist unregelmäßig, zum Teil erhaben, färbt ab und sieht bei unterschiedlichem Lichteinfall immer wieder anders aus. Die Bilder fassen sich interessant an und riechen nach Wachsmalstiften. Alle diese zusätzlichen Sinneseindrücke bietet der glatte Ausdruck der Scanversion nicht. Schon beim Scanvorgang ist das alles verloren gegangen. Ein Ausdruck der eingescannten Version hat also nicht den Charme des Originals mit Wachsmalstiftduft. Trotzdem kann auch der Druck den wesentlichen Inhalt der Geschichte, die dahinterstehende Botschaft transportieren.

Im Büro habe ich das schönste Gemälde der Welt hängen: „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ von Jan Vermeer. Natürlich nicht das Original, sondern einen guten Druck im Glasrahmen. Ich schaue es gerne an, aber die Wirkung des im Museum hängenden Originals auf mich kann der Druck natürlich nicht erreichen. Ich kann mir aber den Raum, in dem es damals hing, vergegenwärtigen, spüre seine Atmosphäre, fühle erneut die Überraschung, dass das Bild viel kleiner ist als erwartet und so einen altmodischen Rahmen hat und erinnere mich, dass ich im Raum hin und hergegangen bin und das Bild aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und auf mich wirken lassen konnte. Ich höre sogar das Quietschen von Schuhen auf dem Parkettfußboden und rieche diese besondere Museumsluft. Der Druck hilft mir also bei der Erinnerung an die beeindruckende Begegnung mit dem Bild im Museum.

Neben zweidimensionalen Abbildern kann man Gegenstände seit geraumer Zeit auch schon dreidimensional einscannen und anschließend entweder virtuell darstellen oder sogar aus Kunststoff drucken. Selbst Zinken aus dem 3-D-Drucker gibt es mittlerweile zu erwerben. Vor einiger Zeit habe ich so ein Exemplar aus schwarzem Kunststoff in der Hand gehabt. Es hat sich aber längst nicht so edel angefühlt wie ein echter Zink und der Klang war auch nicht so schön, klar und facettenreich wie der von einem Instrument aus Holz und Pergament. Vor kurzem habe ich ja nun einen neuen, eigenen Zink bekommen und schaue ihn gerne und immer wieder aus allen Richtungen an und genieße das Gefühl, wie er sich anfasst, den wunderbaren Klang und den Geruch nach Holz und Leim oder, nachdem ich ihn geölt habe, nach Walnussöl.

Die uns umgebende Welt scannen wir mit unseren Sinnen und da unterscheidet man tatsächlich unterschiedliche Typen. Einige Menschen nutzen vor allem ihre Augen und sind empfänglich für schöne Farben, Licht und gefällige Formen. Andere Menschen hören ganz genau hin und nehmen dadurch auch Zwischentöne und Ungesagtes wahr. Einigen Menschen sind der Geruch und der Geschmack von Dingen ganz wichtig und wieder andere erspüren die Welt vor allem mit ihrem Tastsinn. Gute Verkäufer sind darauf geschult, die jeweiligen Präferenzen ihrer Kunden zu erkennen. Beim Autokauf wird dann je nach Neigung der Interessenten die harmonische Linienführung der Karosserie, das satte Geräusch des Motors oder der edle Duft der Ledersitze hervorgehoben. Die Kunden, die sowieso schon dabei sind, alles unwillkürlich zu berühren und zu streicheln, macht der Verkäufer vielleicht noch extra auf die gelungene Anordnung und Haptik der Schalter aufmerksam.

Nicht nur geschäftstüchtige Verkäufer kategorisieren ihre Kunden. Wir alle machen uns automatisch ein Bild von anderen Menschen, versuchen sie einzuschätzen und in unser System, unsere individuelle Vorstellung von der Welt einzuordnen. Es gibt Menschen, die unwillkürlich das Äußere ihres Gegenübers scannen. Wenn ich so jemandem begegne und meine nicht mehr ganz so gutsitzende schwarze Jeans anhabe, fühle ich mich sofort unwohl und unzulänglich. Habe ich in einer solchen Situation aber mein Lieblingskleid an, das mir supergut steht, registriere ich erfreut, dass ich bei diesen Menschen ohne Umschweife in eine Schublade ziemlich weit oben einsortiert werde.

Ich bin auch schon Menschen begegnet, die das psychologische Profil ihres Gegenübers scannen und sofort einschätzen können, wie weit sie bei ihm mit bestimmten Dingen gehen und wie sie ihn am geschicktesten manipulieren können. Beruflich hatte ich vor einiger Zeit mit so jemandem zu tun und unsere ersten Begegnungen und Besprechungen haben mich einiges an Kraft und Nerven gekostet. Schließlich habe ich mir überlegt, wie ich den Manipulationsversuchen entgegentreten kann. Da ich in dem damaligen Verfahren die Federführung hatte, habe ich mir gedanklich vor der nächsten Besprechung mit dieser Person einen virtuellen Hut aufgesetzt und mich innerlich ganz groß aufgeplustert. Ich sehe es heute noch vor mir, wie die Kollegin zu mir ins Büro kam, mich sofort irritiert und im Bruchteil einer Sekunde von oben bis unten und wieder zurück gescannt hat und mich von da an völlig anders behandelt und vor allem ernst genommen hat.

Es gibt auch einige besondere Menschen, die sich vom Äußeren ihres Gegenübers gar nicht ablenken lassen. Am Rande eines Konzertes hatte ich vor etwa zwei Wochen eine Begegnung mit einem Bekannten, der mir in die Augen geschaut und mit 100 % zugewandter und wertschätzender Aufmerksamkeit versucht hat mich, mein Wesen, meine Seele und mein augenblickliches Befinden zu erfassen. In diesen Augenblicken ist es dann auch egal, ob man gerade eine schlechtsitzende Jeans anhat. Fernab vom Scannen von Äußerlichkeiten geht es diesen Menschen um den eigentlichen Kern, das wirklich Wesentliche. Diese Menschen brauchen auch keine High-Tech-Brille, die es ihnen ermöglicht, bis auf die Haut zu schauen. Sie erfassen ganz ohne technische Hilfsmittel das, was noch unter der Haut liegt.

Es wäre schön, wenn es uns bei allem, was wir sehen, hören, riechen, schmecken, tasten und spüren immer um die Idee, die Botschaft geht, die sich hinter oder unter der Oberfläche verbirgt. Und wenn uns ein Abbild oder eine gescannte Version eines Originals dabei hilft, uns an das ursprüngliche Erlebnis zu erinnern oder aber das Wesentliche zu erkennen, sollten wir das nutzen.

Manchmal ist es ja auch vielleicht gar nicht so verkehrt, ein Bild in der Hand zu halten, von dem die Wachsmalstifte nicht gleich so abfärben, dass die Finger beim anschließenden Üben die Grifflöcher des schönen neuen Zink österlich bunt einfärben.