Sport und Musik

vielleicht trainiere ich das Zinken ein wenig zu hart? Meine Überlegungen dazu aus März 2018:

Sport und Musik haben viele Gemeinsamkeiten. In beiden Bereichen sind begeisterte Laien und hochspezialisierte Experten aktiv. Zu finden sind sowohl  Einzelkämpfer wie zum Beispiel Leichtathleten oder Pianisten als auch Teamplayer wie Basketballer oder Bratscher. Das gemeinsame Tun verbindet und man kann sich auch ohne einheitliche gesprochene Sprache und trotz verschiedenster kultureller Hintergründe oder individueller Fähigkeiten verstehen und konstruktiv zusammen an einer Sache arbeiten.

In der Musik und auch beim Sport müssen die entsprechenden Fertigkeiten und Techniken zur Beherrschung des Instrumentes oder des Sport- bzw. Spielgerätes erworben und trainiert werden. Unsere drei Söhne haben zum Beispiel alle Basketball gespielt. Die Korbanlage bei uns im Hof haben wir nach dem Auszug der drei nicht abgebaut und wenn sie uns besuchen kommen werfen sie noch immer gerne ein paar Körbe. In ihrer aktiven Zeit im Vereinsbasketball haben sie stunden-, tage-, wochen-, monate-, ja letztlich sogar jahrelang immer und immer wieder bestimmte Bewegungsabläufe geübt und vervollkommnet. Die Schritt-, Dribbel- und Wurfabfolge beim  „Korbleger von links“ oder die ausgefeilte Technik beim Wurf aus dem Feld mit weich abknickendem Handgelenk  (Ansage des Trainers: Arm muss stehen wie Kobra!) haben sie bei  jeder Gelegenheit trainiert und die komplexen Bewegungsabläufe automatisiert. Lustig anzusehen war manchmal, wenn sie auch im Haus ganz unvermutet zur Lockerung ein paar Korbwürfe markiert haben, gerne auch mit einem kleinen Hüpfer dabei. Bemerkenswert ist, dass die drei Jungs all die Jahre stets mit Freude und Spaß die immer gleichen Bewegungen abgespult haben und ihrer nie überdrüssig wurden.

Es gibt natürlich auch andere Sportarten, bei denen der Spaß und die pure Lust an der Bewegung dem Sportler nicht unbedingt anzusehen sind. Mein Büro teile ich mit einem Kollegen und der hat hinter sich, genau in meiner Blickrichtung, ein Bild hängen, das Muhammad Ali in Siegerpose über dem geschlagen am Boden liegenden George Foreman zeigt.  Beide sind muskelbepackt und perfekt durchtrainiert und haben sich in langen, harten, entbehrungsreichen und schweißtreibenden Monaten intensiv auf den Kampf vorbereitet.

Mich erinnert das Bild jeden Tag an mein augenblickliches Zink-Training, das ich ja vor etwa neun Monaten angefangen habe. Seitdem übe ich mit diesem Instrument konsequent täglich immer wieder bestimmte Bewegungsabläufe und trainiere Muskeln, die ich für das Erzeugen eines schönen Klanges besonders benötige. Das ist definitiv hartes Training, auch wenn die Ergebnisse auf körperlicher Ebene eher nicht so offensichtlich ins Auge fallen wie die Muskelstränge von Muhammad Ali. Mein Coach gibt mir in jeder Trainingseinheit neue Herausforderungen mit auf den Weg. So arbeite ich zum Beispiel derzeit fokussiert mit den beiden Muskeln, mit denen man die Nasenlöcher breiter werden lässt und nach oben zieht. Das soll dann im Idealfall dafür sorgen, dass der Klang des Zink heller gefärbt wird. Ich weiß nicht, ob es für ein eventuell notwendig werdendes Breiter-Färben des Klanges irgendwann auch noch erforderlich sein wird, dass ich die Ohrläppchen bewegen kann. Jedenfalls versuche ich schon mal vorsorglich, die dafür benötigten Muskeln zu erspüren. Es wäre doch schade, wenn ich mit dem Zinken scheitere, weil ich nicht mit den Ohren wackeln kann.

Das harte Training, das ich mir allerdings ehrlicherweise selber verordnet habe, und vielleicht auch die ständige Ansicht von Muhammad Ali haben mich in letzter Zeit eher ein wenig verbissen wie ein Boxer an die ganze Sache herangehen lassen. Da ein schöner Zinkklang sich aber vor allem auch durch Leichtigkeit und Lockerheit auszeichnet scheint die Affirmation „Boxer“ vielleicht doch nicht unbedingt die richtige zu sein. Ich denke, ich werde mir wohl besser ein Beispiel an den spielerisch lockeren und dennoch effektiven Basketball-Trainingseinheiten meiner Jungs nehmen. Morgen werde ich außerdem mit meinem Kollegen sprechen, ob er nicht auch noch ein Bild von Michael Air Jordan aufhängen kann. Oder  wir stellen uns eine kleine Korbanlage in eine noch freie Ecke unseres Büros. Da könnte ich dann immer mal zwischendurch ein paar lockere Würfe nehmen.

Wenn ich genauer über die Verbindung zwischen Sport und Musik nachdenke fällt mir allerdings auf, dass es bei allen Gemeinsamkeiten doch auch einen gravierenden Unterschied gibt: das Gewinnen-Wollen.

Unser Ältester muss etwa drei oder vier Jahre alt gewesen sein, als ich einmal mit ihm einen furiosen letzten Satz eines Mozart Klavierkonzertes angehört habe. Unvergessen geblieben ist mir seine Frage am Ende des Konzertes: „und wer ist jetzt Erster geworden?“  Irgendwie klar, dass er Basketballer geworden ist und nicht Bratscher.