Sprüche

Ich mag Sprüche. Mitte Oktober 2021 beschäftigt mich ein Spruch aus der Kampfkunstszene so sehr, dass mir sogar eine Geschichte dazu eingefallen ist, in der der Zink (fast) gar nicht vorkommt:

Vor kurzer Zeit habe ich Glückwunsche zu einer grünen Hochzeit auf einer Karte formulieren müssen. Erst habe ich mich schwergetan, weil mir nichts Passendes einfiel. Dann habe ich im Internet recherchiert und bin auf eine Fülle von Sprüchen gestoßen, von romantisch über ernst und besinnlich bis hin zu sehr humorvoll. Gut gefallen hat mir z.B. von Antoine de Saint-Exupéry: Liebe besteht nicht darin, dass man einander ansieht, sondern dass man gemeinsam in die gleiche Richtung blickt. Oder von Loriot: Eine glückliche Ehe ist eine, in der sie ein bisschen blind und er ein bisschen taub ist. Entschieden habe ich mich für einen Klassiker von Platon: Die Liebe ist ein Fest – es muss nicht nur vorbereitet, sondern auch gefeiert werden.

An die nahezu unerschöpfliche Quelle von Sprüchen im Internet hatte ich mich erinnert, weil ich vor einigen Jahren anlässlich einer Fußball EM für die Teilnehmenden an einer Tipprunde Urkunden gefertigt hatte. Seinerzeit war ich mit Lachtränen in den Augen tief in die Welt der Fußballsprüche abgetaucht und hatte schließlich jede Urkunde mit einem anderen Spruch versehen. Da gibt es unschlagbare, zum Teil unerwartet tiefsinnige Klassiker: Mario Basler: Das habe ich ihm dann auch verbal gesagt. Matthias Sammer: Das nächste Spiel ist immer das nächste. Gerhard Delling: Das einzige, was sich nicht geändert hat, ist die Temperatur – es ist kälter geworden. Marco Rehmer: Wir sind hierhergefahren und haben gesagt: Okay, wenn wir verlieren, fahren wir wieder nach Hause. Fritz Langner: Ihr Fünf spielt jetzt vier gegen drei.

Die Liste der Sprüche ist nahezu endlos. Immer handelt es sich um spontane Zitate, die die Sprecher bei näherem Nachdenken vielleicht doch anders formuliert hätten. Im Gegensatz zu den erheiternden Fußballsprüchen gibt es auch ernste, mehr oder weniger unvorbereitete und nach wie vor beeindruckende Sprüche bzw. Redefragmente: Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise … von Hans-Dietrich Genscher am 30.09.1989 in der Prager Botschaft macht mir heute noch Gänsehaut oder auch Geh mir aus der Sonne von Diogenes zu Alexander dem Großen. Auf andere Sprüche oder Formulierungen können die Sprecher sich demgegenüber vorbereiten: I have a dream von Martin Luther King gehört dazu, aber auch veni, vedi, vici von Julius Cäsar oder von Neil Armstrong: That’s one small step for (a) man; one giant leap for mankind.

In der christlichen Tradition gibt es viele Sprüche, so die allgemeinen Tages-, Wochen- Monats und Jahressprüche (die aktuelle Jahreslosung der Evangelischen Kirche in Deutschland lautet: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist, Lukas 6,36), aber auch die individuellen Tauf-, Konfirmations- und Trausprüche. Politische Parteien werben in Wahlkämpfen mit Slogans um Wählerstimmen wie beispielsweise im gerade zurückliegenden Wahlkampf: Deutschland gemeinsam machen (CDU), Für mehr Freude am Erfinden als am Verbieten (FDP), Unser Land kann viel, wenn man es lässt (Grüne), Kompetenz für Deutschland (SPD). Immer geht es darum, mit wenigen, zum Teil vieldeutigen Worten und Formulierungen Empfindungen oder Assoziationen hervorzurufen und sich in die Gedächtnisse der Wähler einzuschleusen. Ganz wie in der Werbung, wo Sprüche (und die dazugehörigen Jingles) nachhaltig zumindest in meinem Gehirn verankert sind: Mars macht mobil, bei Arbeit, Sport und Spiel oder Komm doch mit auf den Underberg.

Sprichwörter kennen wir alle, aber ihre Aussagen darf man auch mal hinterfragen. Soll ich mich wirklich mit dem Spatz in der Hand zufriedengeben und aufhören, die Taube auf dem Dach erreichen zu wollen? Warum muss ich früh aufstehen, um einen Wurm zu fangen, den ich gar nicht mag? Roste ich tatsächlich, wenn ich raste? Auch bellenden und nicht nur beißenden Hunden gehe ich vorsichtshalber aus dem Weg.

Sprüche und Weisheiten laden dazu ein, innezuhalten und über sie nachzudenken, sie zu drehen und zu wenden und von allen Seiten zu durchleuchten. Ich mag Sprüche. Einige begleiten mich schon länger, dafür kann ich mit anderen nichts anfangen. Weitergebracht in meinem Leben haben mich Weisheiten wie: wer loslässt, hat beide Hände frei oder auch von Henry Ford: wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist. Beide Sprüche machen Mut auf Neues.

Wichtig ist natürlich, dass man sich der Sprüche, die einen bewegen oder die möglicherweise in einem wirken, bewusst ist. In vielen von uns haben sich in der Kindheit tief im Unterbewusstsein sogenannte innere Antreiber verankert, die unser Handeln auch im Erwachsenenalter noch bestimmen: ein Indianer kennt keinen Schmerz gehört dazu. Die Klassiker sind unter anderem sei nicht so laut (= sei leise) oder trödel nicht schon wieder herum (= sei schnell). Erst wenn man realisiert hat, dass derartige Sprüche einen unbewusst lenken und beeinflussen, kann man Gegenmaßnahmen ergreifen, ein lautes Instrument erlernen oder sich erlauben: ich habe alle Zeit, die ich brauche.

Meistens kommen Sprüche, die mich in meinem Leben weiterbringen, ganz zufällig zu mir, haken sich dann aber in irgendeiner Gehirnwindung hartnäckig fest und lassen mich nicht mehr los. Eine Kollegin hatte mir vor einiger Zeit in einem Gespräch einen Ausspruch von dem Kampfkünstler Bruce Lee mitgegeben, der mich nachhaltig beschäftigt. Nun bin ich zwar in asiatischen Kampfkünsten nicht bewandert, der Spruch ist aber auch außerhalb der Kampfkunstwelt sehr wertvoll und tiefsinnig, er lautet: be water, my friend.

Wenn ich Wasser bin, dann bin ich flexibel und anpassungsfähig, bleibe aber immer ich selber und immer das, was ich eben bin. Vielleicht schäume ich mal kurzzeitig an der Oberfläche, schon kurz darunter ströme ich aber ruhig und gelassen vor mich hin. Und wenn jemand Steine nach mir wirft oder mich sonst irgendwie angreift, berührt mich das nicht. Steine und andere Angriffswaffen plumpsen einfach wirkungslos in mich hinein und sinken zum Grund. Dort bleiben sie harmlos liegen und mit der Zeit schleife ich sogar alle Ecken und Kanten glatt. Auch alles, was ich im Laufe meines Lebens losgelassen habe, um die Hände frei zu bekommen, umströme ich einfach. Das können blöde Erinnerungen sein, aber auch sehr glückliche Momente. Und alles Positive, was wasserlöslich ist, nehme ich einfach bestärkend oder beglückend in mich auf. Felswände, die mir im Weg liegen, umrunde ich oder grabe mich stetig in sie hinein und sprenge sie schließlich. Dafür habe ich alle Zeit, die ich brauche und das Getöse dabei stört mich nicht.

Mein einziger natürlicher Feind ist die Mikrowelle. Masaru Emoto hat in seinem Buch „Die Botschaft des Wassers“ in eindrucksvollen Bildern die Schönheit von Wassermolekülen festgehalten

sowie die Auswirkungen von positiven und auch negativen Energien auf Wasser dokumentiert. Nach einem Aufenthalt in der Mikrowelle ist von einem Wassermolekül nur noch das übrig:

So möchte ich nun wirklich nicht aussehen, aber Mikrowellengeräten kann ich ja in der Regel sehr einfach aus dem Wege gehen und mich daher ganz ungestört darin üben, to be water, my, friend.

Ich bin gespannt, welches der nächste Sinnspruch sein wird, der mich beschäftigen und in meiner Entwicklung voranbringen wird. Die ganze Welt der Filme habe ich ja zum Beispiel noch gar nicht erwähnt, auch da gibt es so viele eindrucksvolle und tiefsinnige Sprüche: play it again, Sam oder möge die Macht mit dir sein oder ich habe eine Wassermelone getragen. Die Perspektive ist faszinierend aber für heute schließe ich mit Giovanni Trapattoni:

Ich habe fertig