Sternzeichen

In letzter Zeit sind mir beim Zinken und auch anderswo häufiger mal Frösche begegnet. Das hat mich Mitte Juni 2020 zu folgender Geschichte inspiriert:

Anfang Juli, also schon im nächsten Monat, habe ich Geburtstag. Mein Sternzeichen ist daher der Krebs. Meinen Aszendenten, der ja auch irgendwie bei Horoskopen ganz wichtig ist, weiß ich leider gar nicht. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, weil mich das sonst noch zusätzlich verwirren würde.

Auch so führen Horoskope bei mir häufig mal zu Unsicherheiten. Ich habe zwei Tageszeitungen abonniert, eine von meinem Wohn- und die andere von meinem Arbeitsort. In beiden lese ich neben den Sportteilen immer auch die Horoskope. Wenn sie sich in etwa decken, ist es für mich einfach, mich an etwaige Empfehlungen zu halten. Häufig wird mir in den Horoskopen geraten, dass ich in Bezug auf meine Ausgaben vorsichtig sein oder kein Risiko in Geldangelegenheiten eingehen soll. Das ist für mich ein eindeutiger Hinweis, nicht über die Stränge zu schlagen und mir in der Mittagspause nur ein kleines, einfaches, mit Käse belegtes Brötchen zu holen. Aber was ist, wenn mir nur ein Horoskop sagt, dass ich in geldlichen Belangen aufpassen soll und im anderen dazu nichts steht? Darf ich mir dann ein Baguette mit Tomate, Mozzarella und Pesto gönnen? Und wenn das zweite Horoskop gar dem ersten widerspricht und mir den Tipp gibt, in Finanzangelegenheiten risikobereit zu sein? Hin und wieder habe ich mir in so einer Situation schon mal einen Mittagstisch von meinem Lieblingsladen geholt mit gefüllter Aubergine, zwei Salaten, zwei Linsenbouletten, einem Zucchinipuffer und ordentlich Hummus. Finanziell bin ich immer noch solvent, aber ein mulmiges Gefühl bleibt bei mir bei einer so unsicheren Vorhersagelage durchaus bestehen.

Wenn ich im Urlaub meine Horoskope studiere und dann die Warnung lese, dass mir in meinem Berufsleben Übles droht oder im Gegenteil die dringende Empfehlung, eine angebotene Chance unbedingt zu nutzen, weil sie für mein berufliches Weiterkommen entscheidend wichtig ist, bin ich verunsichert und mache mir ganz viele Gedanken. Die ganze hart erarbeitete Urlaubserholung ist dann dahin, auch wenn ich den Urlaub nicht abbreche, um im Büro nach dem Rechten zu sehen.

Eigentlich mag ich mein Sternzeichen auch gar nicht so gerne. Also ich mag Krebse schon gerne essen und finde sie sogar sehr lecker. Aber sie haben einen völlig unproportionalen Körperbau, sehen sehr skurril aus, bewegen sich merkwürdig und einige Exemplare können ganz gemein kneifen. Mit so einem Tier möchte ich nicht gleichgesetzt werden. Daher habe ich mir gedacht, dass ich mir einfach ein anderes, speziell auf mich passendes Sternzeichen wähle. Entschieden habe ich mich für:

das Sternzeichen Sonne:

Sonne

mit Aszendent Frosch:

Frosch

Da ich im nieselgrauen Norddeutschland lebe, ist jeder helle und wärmende Sonnenstrahl ein Geschenk. Wenn ich näher am Äquator leben würde, hätte ich mir die Sonne vielleicht nicht unbedingt ausgesucht, aber ich assoziiere neben Licht und Wärme auch Begriffe wie lebensspendend und beständig mit ihr. Sie hat vielleicht auch mal kleinere Ausbrüche, aber im Großen und Ganzen wird sie noch einige Milliarden Jahre stetig vor sich hin glühen und ihre Energie freigebig verschenken. Und wenn ich mein Sternzeichen mal besuchen will, bin ich nicht Tausende von Lichtjahren zu irgendwelchen entfernten Galaxien unterwegs, sondern habe die realistischen Chance, die eine Sonne, die hier in der Nähe ist, tatsächlich auch zu erreichen.

Dass ich den Frosch als meinen Aszendenten gewählt habe, hat tatsächlich mal wieder mit meinem Hobby, dem Zinken zu tun. Dort ist mir der Frosch in den letzten drei Jahren mehrfach begegnet und hat meinen individuellen Zinkweg begleitet. In den ersten beiden Jahren des Zinklernens klangen einige Töne häufig so, als wenn Kermit der Frosch sie singt. Das habe ich mittlerweile ändern können. Aber wenn ich keinen guten Tag habe oder schon erschöpft bin vom Üben oder vom anstrengenden Zinkunterricht oder in meiner auf alle Details des Zinkens gerichteten Aufmerksamkeit einen klitzekleinen Moment nachlasse, klingen die Töne auch heute noch manchmal breit und wie gequakt.

Als Grundlage für einen permanenten musikalischen Spielfluss eigne ich mir gerade eine Technik an, in der ich den Hals weit stelle und die Luft ungehindert strömen lasse, ohne sie im Hals abzuquetschen. Diese Technik nenne ich den „Ochsenfroschhals“ weil auch der Frosch einen extrem weiten Hals macht, wenn er Klänge von sich gibt.

Ein Frosch hat dazu auch noch eine extrem schnelle und bewegliche Zunge, so wie ich sie bei der Doppelzungentechnik benötige, an der ich seit eineinhalb Jahren arbeite. Beim Frosch funktionieren weiter Hals und schnelle Zunge in Perfektion miteinander und ich erhoffe mir, dass die Fähigkeiten meines gewählten Aszendenten ein wenig auf mich abfärben und meine Fertigkeiten verbessern helfen.

Ein wenig umständlich bei meinem neuen Sternzeichen und dem Aszendenten ist, dass es keine Horoskope für sie gibt, die ich wie bisher bequem in der Tageszeitung lesen kann. Aber hier liegt natürlich auch eine große Chance. Ich werde mir künftig meine Horoskope selber schreiben. Dann habe ich das auch besser und in meiner eigenen Hand, wie meine Tage verlaufen werden. Von Vorsicht in Geldangelegenheiten schreibe ich nichts mehr, dann kann ich jeden Mittag essen, was ich will. Im beruflichen Bereich werde ich mir keine Krisen oder Gefahren prognostizieren, sondern nur noch Chancen und Entwicklungspotential. Und für Tage, an denen ich Zink-Unterricht habe, werde ich mir vorhersagen, dass sich meine Geduld und Entschlossenheit der Vergangenheit auszahlen werden und ich große Fortschritte erzielen werde bei Dingen, die mir am Herzen liegen.

Ich hätte schon viel früher auf die Idee mit einem eigens auf mich angepassten Sternzeichen kommen sollen. Dann hätte ich nicht so viele kleine einfache Brötchen mit Käse essen müssen und hätte dank meines Aszendenten vielleicht auch für die Doppelzunge nicht eineinhalb Jahre gebraucht.

Kermit