Bingo

Im November ist alles grau und trüb, da tut es gut, wenn man sich selber mit einem Spielchen aufheitern kann. Ende November 2019 ist folgende Geschichte entstanden:

Manchmal findet man sich im Leben in Situationen wieder, in denen man gar nicht sein möchte, denen man aber auch nicht entkommen kann. Mir geht das manchmal so bei meinen Fahrten zur Arbeit, wenn mein Zug wegen einer Türstörung nicht weiterfahren kann oder wenn wir abends auf der Fahrt nach Hause auf unbestimmte Zeit in einem kleinen Bahnhof stehen, weil die alte und störanfällige Eisenbahnbrücke über die Hunte wieder einmal kaputt ist. Häufig bin ich dann nach einem langen Arbeitstag müde und ausgehungert, habe nichts zu trinken dabei, die einzige nicht gesperrte Toilette im Zug bietet keinen erfreulichen Anblick mehr und der Bahnhof an dem wir halten befindet sich in einem Funkloch. Es ist dann schwer, die gute Laune und positive Grundeinstellung, mit der ja alles leichter fällt, zu behalten. Manchmal ist es so, dass die Mitreisenden mit einer Art Galgenhumor fröhlich Anekdoten austauschen über noch unerfreulichere Begebenheiten im Zusammenhang mit Reisen mit der Deutschen Bahn und sich eine zunehmend ausgelassene Stimmung ausbreitet. In den meisten Fällen übertreffen sich die Mitreisenden jedoch gegenseitig mit ihren Unmutsbekundungen und ihrer schlechten Laune. Kürzlich war ich einmal positiv sehr überrascht, dass tatsächlich eine halbe Stunde nach Fahrtabbruch schon eine Durchsage des Zugpersonals kam und wir Reisenden dadurch zeitnah informiert waren, aus welchem Grunde wir auf unbestimmte Zeit im Bahnhof Wüsting gestrandet waren. Meiner Freude habe ich durch spontanen Applaus Ausdruck verliehen, dafür aber rundum nur äußerst irritierte Blicke geerntet.

Möglicherweise ist es einfacher, nur dafür zu sorgen, dass man selber seine gute Laune behält und sich nicht auch noch verantwortlich zu fühlen für eine positive Stimmungslage aller Mitreisenden.

Auch in dienstlichen Zusammenhängen findet man sich hin und wieder in merkwürdigen Situationen wieder. Als Berufsanfängerin durfte ich einmal an einer Tagung in einem Ministerium teilnehmen und war gebührend beeindruckt von dem historischen Sitzungssaal, der ministeriellen Atmosphäre und den vielen wichtigen Anzugträgern. Der Impulsvortrag war dann aber inhaltlich doch eher nichtssagend und langweilig, die Folien auf dem Overheadprojektor (die Tagung ist schon eine Weile her, damals gab es noch kein PowerPoint) dilettantisch und nichtssagend und der Duktus des Referenten ziemlich eintönig, so dass ich Mühe hatte, mich der einschläfernden Gesamtwirkung der Veranstaltung zu entziehen. Ganz anders der ältere Kollege neben mir. Er hat gespannt und aufrecht auf der vorderen Stuhlkante gesessen, dem Vortragenden aufmerksam gelauscht und hin und wieder Notizen auf seinem Zettel gemacht. Irgendwann rief er ganz unvermutet „Bullshit-Bingo“, lächelte zufrieden, packte seine Unterlagen in seine Aktentasche, verschränkte die Arme, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und versank bis zur Mittagspause in eine Art glückseligen Dämmerschlaf. Neugierig habe ich ihn in der Pause auf sein Verhalten angesprochen und er zeigte mir seine Notizen. Er hatte sich dort ein Feld mit 5 x 5 Kästchen gezeichnet und in jedes Kästchen eine nichtssagende Floskel oder einen Fachbegriff eingetragen von denen er im Vorfeld meinte, dass der Referent diese bestimmt verwenden werde. Sobald der Vortragende dann einen dieser Begriffe in seiner Rede benutzte, hat mein Nachbar das entsprechende Kästchen angekreuzt. Tatsächlich hatte er eine senkrechte Linie vollständig markiert und das war dann für ihn der Anlass, mit dem lauten Ausruf „Bullshit Bingo“ zu verkünden, dass er das Spiel gewonnen hat.

Das methodische Vorgehen, mit sich selber ein Spiel zu spielen um unerfreulichen Situationen etwas Positives abzugewinnen und die gute Laune zu behalten ist bestechend einfach und unglaublich wirkungsvoll. Daher habe ich die folgende Behörden-Bingo Spielkarte entwickelt für die Nutzung in dienstlichen Veranstaltungen im Verwaltungsbereich, in dem ich ja arbeite:

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Wenn ich in einer senkrechten, waagerechten oder diagonalen Linie alle Felder durchgekreuzt und als Sieger meines Spiels in einer Besprechung laut „Behörden-Bingo“ gerufen habe, würde ich mich als Gewinn einfach vom nächsten turnusmäßigen Abwasch, Kaffeekochen oder Kekse-mitbringen befreien.

Die Methode lässt sich natürlich übertragen auf andere Bereiche des Lebens. Für das kommende Jahr 2020 habe ich die folgende Bahn-Bingo Spielkarte entworfen:

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Ein paar Mitreisende kenne ich mittlerweile und ich plane, Ihnen zu Weihnachten ebenfalls solche Spielkarten zu schenken, bei denen ich die Begriffe aber jeweils anders anordne. Dann können wir gegeneinander spielen. Als Gewinn könnte man zum Beispiel vereinbaren, dass der Sieger einen Monat lang immer einen Sitzplatz in Fahrtrichtung bekommt. Damit ich gewinne hoffe ich nun also, dass ich möglichst bald wieder ein paar der exotischeren Durchsagen auf meinen Fahrten hören darf.

Beim Zinkunterricht funktioniert das Spiel übrigens auch, aber genau andersherum. Es ist ja grundsätzlich das Ziel, dass der Zinklehrer seine Schüler nicht ständig bzw. immer weniger erinnern muss an Haltung, Artikulation, Intonation usw., mit anderen Worten also bestimmte Begriffe im Unterricht nicht benutzen muss. Beim „Zink-Bingo“ ist es daher so, dass man verloren hat, wenn man eine Linie auf der folgenden Spielkarte mit Kreuzchen vervollständigt hat:

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Wenn man verloren hat und im Unterricht laut „Zink-Bingo“ rufen muss, weil man eine Linie voll hat, wäre es pfiffig, wenn man sich als „Gewinn“ zum Beispiel eine ganze Unterrichtsstunde lang nur mit der Doppelzunge beschäftigen muss. Dadurch macht man dann ja große Fortschritte. Oder man erhält die einmalige Gelegenheit eine Solo Canzone von Frescobaldi in der Klassenstunde vorspielen zu müssen. Mein Lehrer hat da bestimmt noch die eine oder andere Idee für entsprechende „Gewinne“. Das gibt mir aber jedenfalls den richtigen Ansporn, darauf zu achten, dass meine Zink-Bingo Spielkarte ganz lange ohne Kreuzchen bleibt oder ich diese nur vereinzelt und unzusammenhängend setzen muss.

Wenn ich das Spiel gewinne, weil ich auf meiner Spielkarte kein Zink-Bingo erreiche, freue ich mich. Wenn ich aber verliere und dadurch dann an Erfahrungen gewinne, freue ich mich natürlich auch.

Wie schön, dass ich beim Zink-Bingo so oder so nur gewinnen kann!