genug

Muss man sich bevorraten und sicherheitshalber mehr von allem horten, als man tatsächlich braucht? Ist weniger mehr? Meine Zink-Unterrichtsstunde Anfang September 2020 hat mich mal wieder über so einiges zum Nachdenken gebracht:

Es gibt viele Dinge, von denen man nicht genug haben kann. Dazu gehören Liebe, Humor, Optimismus, Lebensfreude und Gesundheit. Bei all diesen Dingen gibt es keine Obergrenze und eine Beschränkung des Wachstums wird in der Regel wohl auch niemand freiwillig vornehmen. Es gibt auch viele Dinge, die man unbegrenzt an andere Menschen weitergeben kann wie z.B. Liebe, Humor, Optimismus, Lebensfreude, ein Lächeln, menschliche Wärme und positives Feedback. Auch hier gibt es keine Begrenzung und die Ressourcen scheinen sich auch nicht zu verringern sondern auf wundersame Weise zu vermehren, je mehr man davon abgibt.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele Dinge, von denen man nur glaubt, nicht genug haben zu können.

Die Menschen haben da unterschiedliche Präferenzen und einiges, was für einen selber absolut notwendig erscheint, wird von anderen mit Unverständnis betrachtet oder belächelt. Mir persönlich erschließt sich zum Beispiel nicht, warum ich ein neues Smartphone anschaffen sollte, wenn mein altes noch funktioniert. Mein Datenvolumen reicht für meine Zwecke mehr als aus, in der Regel verbrauche ich es nicht mal zur Hälfte. Unser Fernseher ist ausreichend groß, die Küche mit allen notwendigen Utensilien ausgestattet, Gefrier- und Kühlschrank gut gefüllt, Toilettenpapier ausreichend vorhanden und Strom und Wasser fließen verlässlich. Da gibt es aus meiner Sicht derzeit nichts, wo ein „Mehr“ sinnhaft wäre.

Anders sieht das natürlich mit meinem Schuhschrank aus. Der ist definitiv viel zu klein und ich habe schon diverse neue Schuhe im Auge, die ich unbedingt haben muss. Schuhe kann man ja nie genug haben, das dürfte jedem einleuchten.

Über das Thema zum Nachdenken gebracht haben mich meine Fortschritte beim Zinken. Einiges kann ich mittlerweile recht locker spielen. Auf dem Weg dahin habe ich unzählige einzelne Bewegungsabläufe und Routinen eingeübt. Zum Teil sind sie winzig klein wie das minimale Zucken der Lippen zum genau richtigen Zeitpunkt beim ersten Anspielen eines Tones. Um ein Automatisieren der Abläufe zu erreichen, habe ich viele dieser Bewegungen erst einmal bewusst und übertrieben groß eingeübt um sie dann nach und nach wieder zu verkleinern und loszulassen. Der Bewegungsimpuls, der ausreichend ist um den jeweils gewünschten Klang herbeizuführen, bleibt dabei aber automatisiert erhalten.

Genauso habe ich das auch mit dem fürs Zinken richtigen Einatmen geübt. Ich atme immer erstmal durch den Mund tief in den Bauch, dann durch die Nase noch einmal in den Brustraum um mein Lungenvolumen zu 100 % zu füllen, bevor ich losspiele. Bei längeren und anstrengenden Passagen benötige ich auch viel Luft und Kraft. Bei kürzeren und nicht so anstrengenden Abschnitten habe ich dann aber immer das Problem, dass ich am Ende noch viel zu viel Luft in mir habe, die ich erst vollständig loswerden muss, bevor ich neu einatme. Gerade bei kurzen Pausen erinnern die Geräusche, die ich dabei von mir gebe, an ein schnaufendes Walross. Das ist nun natürlich unschön und stört auch ein wenig die ansonsten doch meistens schon recht ansprechende Musik, die ich meinem Zink zu entlocken vermag.

Im letzten Zink-Unterricht hat mir mein Lehrer nun einen ganz einleuchtenden Tipp gegeben. Ich soll einfach vorausschauend immer nur so viel Luft einatmen, wie ich voraussichtlich für die nächste Passage benötigen werde, also sozusagen angepasst atmen.

Der Umstellungsprozess ist nun gerade noch ein wenig schwierig für mich. Es fällt mir schwer, weniger zu atmen und darauf zu vertrauen, dass ich den vor mir liegenden musikalischen Abschnitt vorher richtig eingeschätzt habe und die Luft, die ich angepasst eingeatmet habe, auch tatsächlich reichen wird. Ich mag mich noch nicht so ganz auf mein Urteilsvermögen und meine Fähigkeiten verlassen, sondern atme derzeit doch lieber sicherheitshalber mehr Luft ein, als ich brauche. Aber ich übe mich im Loslassen und ein angepasstes Atmen ist definitiv ein Ziel, dass es zu erreichen lohnt.

Vielleicht wird sich ein Umstellen meines Atmens auswirken auf mein restliches Leben, so dass ich möglicherweise irgendwann feststelle, dass mein Schuhschrank doch ausreichend dimensioniert ist und ich auch jetzt schon genug Schuhe besitze und keine neuen kaufen muss. Das wäre auch gar nicht schlecht, weil ich dann mehr Geld zur Verfügung hätte für wirklich wichtige Dinge, die ich notwendig brauche wie z.B. Zink-Unterricht, Zink-Workshops, weitere Instrumente, Mundstücke, Instrumentenkoffer, Noten usw.

Beim Googeln von Walross-Geräuschen bin ich übrigens auf ein altes NDR Video von Antje gestoßen, die auch ein wenig schnauft aber vor allem ganz gemütlich ganz viel Spaß am Augenblick hat (so wie ich beim Zinken). Das bringt mich zu der Erkenntnis, dass neben Liebe, Humor, Optimismus, Lebensfreude und Gesundheit auch die Freude am augenblicklichen Tun zu den Dingen zählt, von denen man definitiv nicht genug haben kann.

Und gegenwärtige Augenblicke, in denen wir das Leben an sich genießen und uns am Moment freuen können, gibt es nun wirklich genug: Sekunde für Sekunde für Sekunde …

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