Farben

Mitte Juli 2019 war der Sommer in Norddeutschland ziemlich trist und grau. Das hat mich über bunte Farben nachdenken lassen:

In seinem Buch „Der einarmige Pianist“ beschäftigt sich Oliver Sacks mit der Wirkung von Musik auf das Gehirn. Neben vielen anderen erstaunlichen Dingen beschreibt er das Phänomen, dass einige Menschen Musik nicht nur hören sondern auch als Farben wahrnehmen. Dabei sind wohl die unterschiedlichen Farben einzelnen Tönen oder auch Tonarten unveränderlich zugeordnet. Beim Zinken muss ich häufig frustriert anhören, dass meine Intonation noch nicht so wirklich stimmig ist. Ich stelle mir vor dass es doppelt entmutigend sein muss, wenn ich nicht nur höre, dass beispielsweise das b mal wieder zu tief ist, sondern ich das auch noch automatisch mit einem farblichen Misston visualisiere.

Farben wirken sich ja bekanntlich auf Stimmungen aus. So würde wohl kaum jemand auf die Idee kommen, einen Raum, in dem man zur Ruhe kommen möchte wie z. B. ein Schlafzimmer in signalrot zu streichen. Und in Justizvollzugsanstalten hat man damit experimentiert, Zellen in altrosa zu gestalten, da diese Farbe eine beruhigende Wirkung haben und Aggressionen mindern soll.

Im farblosen Büroalltag liegt es an den Mitarbeitern selber, sich eine arbeitsmotivierende Atmosphäre zu schaffen. Die einheitlichen Büromöbel der Behörde, in der ich arbeite, sind in sanftem Hellgrau gehalten und bieten damit einen neutralen Hintergrund für farbenfrohe Akten in rot, gelb, blau oder grün. Stiftfarben sind in Behörden oftmals bestimmten Hierarchie-Ebenen vorbehalten. Ein Kollege, mit dem ich ansonsten ganz konstruktiv zusammengearbeitet habe, hatte sich anfangs einmal in der Farbe vergriffen und den Entwurf eines Schriftsatzes von mir handschriftlich mit roten Streichungen und Anmerkungen versehen. Als er mir meinen Text zurückgab, hat sich das angefühlt wie früher in der Schule, wenn der Lehrer im Diktat die Rechtschreibfehler angestrichen hatte.

Eine Zeit habe ich mit einem Computerprogramm mit dem vielversprechenden Namen ZEBRA arbeiten müssen. Das Programm war allerdings nicht in abwechslungsreichem Schwarz – Weiß gehalten, wie der Name vielleicht nahelegen mag. Vielmehr ist das Programm in vielen unterschiedlichen, lebensbejahenden Grautönen gestaltet, nur die auszufüllenden Pflichtfelder sind in einem schmutzig – matten Hellgelb gehalten. Die vielen und ausnahmslos unzufriedenen ZEBRA Nutzer haben eine Selbsthilfegruppe gegründet. Im Nachhinein denke ich, dass die Unzufriedenheit von uns Usern mit den mangelhaften Funktionen und der umständlichen Anwendung von ZEBRA durch die unglückliche Farbgestaltung deutlich verstärkt wurde.

Wenn bestimmte Begriffe in Gesprächen fallen, habe ich unwillkürlich passende Bilder dazu im Kopf. Als eine Kollegin letztens die sogenannten Schmetterlingsbäder erwähnte, hatte ich sofort die erfreuliche Vorstellung eines Schmetterlingshauses in einem Zoo vor Augen mit seinen sattgrünen Pflanzen, leuchtenden Blüten, bunten Schmetterlingen und schillernden Kolibris. Der Begriff Schmetterlingsbad benennt allerdings in Alten- und Pflegeeinrichtungen eine innenliegende Nasszelle, die von den Bewohnern der beiden angrenzenden Zimmer gemeinsam genutzt wird. Der Name bezieht sich also nicht auf die Farben, sondern auf die Form des Schmetterlings mit dem Badezimmer als Körper und den anliegenden Zimmern als Flügel. Das einzig bunte sind in der Realität die Putzlappen in hoffentlich unterschiedlichen Farben für die verschiedenen Bereiche des Bades.

Um der tristen Büroatmosphäre zu entkommen, tanke ich in fast jeder Mittagspause bei einem Spaziergang frische Luft. Aufmunternde Farben leuchten mir im diesjährigen, typisch norddeutschen Sommer dabei allerdings leider nicht ins Auge. Der Himmel ist grau, die Sonne seit Tagen nicht zu sehen, die Bäume stehen mit matt-grau-grünem Laub in der Gegend herum und die Menschen hasten schlechtgelaunt an mir vorbei. Immerhin setzen einige der Passanten mit knallbunten Regenschirmen farbenfrohe Akzente. Für einen rosigen Teint ist der kühle Nieselregen ja nun sowieso außerordentlich förderlich und es besteht auch keine Notwendigkeit, die Augen hinter dunkelbraunen Brillengläsern zu verstecken. Außerdem kann man sich schon mal wieder an die kuscheligen Strickjacken und Pullover in warmen erdigen Herbstfarben gewöhnen. Wer braucht schon Wärme, Sonnenschein und blauen Himmel im Sommer?

Was ich tagsüber an Farben nicht zu sehen bekomme, hole ich dann aber abends beim Zinken nach. Zwar nehme ich die Klänge nicht automatisch als Farben wahr und wenn mal wieder nichts klappt und trotz aller Bemühungen nur obskure Geräusche aus dem Instrument heraus kommen, sehe ich oft schwarz. Aber hin und wieder hören sich kleine Sequenzen doch schon mal recht ansprechend an und wenn ich dann die Augen schließe – obwohl ich natürlich eigentlich in die Noten gucken soll – kann ich manchmal goldgelbe Rapsfelder sehen oder sattgrüne Pflanzen im Schmetterlingshaus oder das tiefblauen Meer mit kleinen, blitzend weißen Schaumkronen oder die große rote Mohnblume bei uns im Garten ….

In diesem Sommer mache ich mir also einfach meinen eigenen kleinen privaten und farbenfrohen Zink-Sommer. Warm ist mir ja nun sowieso immer beim Zinken. Wer braucht also schon Wärme, Sonnenschein und blauen Himmel im Sommer, wenn man doch auch einfach Zink spielen kann?