Hilfsmittel

Mitte Juli 2020 mache ich so langsam einige Fortschritte an meiner Lieblingsbaustelle beim Zinken: der Doppelzunge. Manchmal können einem auch ganz unerwartete Dinge beim Weiterkommen helfen:

Um uns das Leben zu erleichtern, können wir auf eine Vielzahl von Hilfsmitteln zurückgreifen. Manchmal sind es dabei die kleinen Dinge, die einen ganz praktischen Nutzen haben. Dazu gehört beispielsweise Tesafilm, mit dem man nahezu alles – zumindest vorübergehend – reparieren kann. Oder auch Post-it Haftnotizzettel, die man wunderbar überall hin kleben und ebenso wunderbar und ganz leicht wieder entfernen kann.

Auch unser Gehirn bedient sich so mancher Hilfsmittel, um energieeffizient die gewünschten Ergebnisse zu liefern. Eselsbrücken sind beliebt, um sich Dinge besser merken zu können. „Drei-drei-drei, bei Issos Keilerei“ erinnert an die Schlacht Alexanders des Großen bei Issos um 333 v.Chr. Der Spruch „Sieben-fünf-drei, Rom kroch aus dem Ei“ hilft bei der zeitlichen Einordnung der Gründung Roms. Mit dem Merksatz „Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neuesten Pläne“ konnte man sich ganz leicht die Reihenfolge der Planeten unseres Sonnensystems beginnend bei der Sonne merken: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun, Pluto. Allerdings wurde dem Pluto im Jahre 2006 der Planetenstatus aberkannt, er ist jetzt nur noch ein Zwergplanet. Der Spruch müsste also dahingehend geändert werden, dass mein Vater mir jeden Sonntag unsere neuesten Zwergen-Pläne erklärt. Dann stimmt der Spruch wieder so in etwa.

Das Gehirn kann sich gereimte Sachen scheinbar leichter merken als ungereimte und lustige Sprüche sind einprägsamer als langweilige. Viele Menschen meiner Generation und älter können noch heute ganze Balladen rezitieren. Es muss einem nur der Anfang einfallen, dann spult sich das wie von selbst ab. Auch Reime aus Kinderbüchern sind präsent wie z.B.: „der Bär hat einen Lieblingsplatz, der ist ihm kostbar wie ein Schatz“. Leider schleichen sich aber manchmal Fehlinformationen ein, die im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr wegzudenken sind. Der Spruch „Isar, Iller, Inn und Lech fließen von der Donau wech“ stimmt geografisch nicht. Ich kann mir aber nur diesen Satz merken und der richtige Merksatz zu den Nebenflüssen der Donau will sich einfach nicht in meinem Hirn verankern.

Neben sprachlichen Eselsbrücken und Reimen funktionieren für mein Gehirn auch Bilder ganz hervorragend, um Dinge zu erinnern oder automatisierte Prozesse abzurufen. Das mache ich mir beim Zinken häufig zunutze. Klänge ziehe ich z.B. hoch mit der Visualisierung eines Zeltdaches, das ich spanne. Einen kontinuierlichen Spielfluss erreiche ich mit dem Bild eines Ochsenfrosches mit seinem extrem weiten Hals, durch den die Luft ungehindert einfach immer weiter strömen kann. Für die Artikulationstechnik „Doppelzunge“ war ich allerdings eineinhalb Jahre vergeblich auf der Suche nach einem passenden Bild, das mir die Anwendung erleichtern könnte. Um die Artikulation lockerer hinzubekommen soll ich die Zungenspitze nicht mehr oben an den Gaumen stoßen, sondern hinten an die Zähne. Als Vorstellung hatte ich dann sehr schnell den englischen Laut „th“ (Tiäitsch) im Kopf. Allerdings habe ich Schwierigkeiten, mir einen lockeren Engländer vorzustellen. Entweder denke ich an Prinz Charles, und der ist ja nun nicht so locker, oder aber an rotgebrannte englische Touristen auf Mallorca, und die würden die diffizile Doppelzungen-Artikulation vor lauter Lallen auch nicht locker hinbekommen.  Mein „englischer Weg“ für eine lockere Doppelzunge hat sich also leider als ein Irrweg entpuppt. Schade, aber bestimmt kommt mir noch irgendwann das passende Bild in den Kopf, und dann kann die Doppelzunge ungehindert locker flutschen.

Auch in meinem Büroalltag kann ich auf viele Hilfsmittel zurückgreifen, die mir meine Tätigkeit enorm erleichtern. In meinem Referat haben wir noch viel mit dicken Aktenbänden in Papierform zu tun. Neben Büroklammern und den schon erwähnten Haftnotizzetteln gehören für mich daher vor allem Kreuzgummibänder zu den innovativen und kreativen hilfreichen Gegenständen, die ich täglich nutze. Damit lassen sich dicke auseinanderfallende Aktenbände ruck zuck zusammenhalten und verschicken. Und es gibt sie in ganz vielen bunten Farben, hier einmal ein ansprechendes Beispiel für ein lila Kreuzgummi um eine beige-graue Akte:

Kreuzgummi

Da wir in unserem Referat viele und zum Teil schwere Aktenbände hin und her transportieren müssen, haben wir uns im Team einen praktischen Postwagen gewünscht, wie z.B. diesen hier:

Aktenwagen

In einer Behörde erwirtschaften wir ja nun aber keine Gewinne, sondern müssen notwendige Gegenstände aus Steuermitteln beschaffen, mit denen wir selbstverständlich sparsam und wirtschaftlich haushalten. Zu einem sorgsamen Umgang mit den Steuergeldern gehört natürlich auch, dass Neu- oder Ersatzbeschaffungen erst dann überhaupt möglich sind und in die Wege geleitet werden, wenn wirklich nirgendwo mehr alte Restbestände aufzutreiben sind, die noch weiterverwendet werden können. Bekommen haben wir daher folgendes Hilfsmittel für Aktentransporte:

Drahtgestell

Wir sind uns im Team jetzt noch nicht so ganz sicher, wie wir dieses Gefährt einordnen sollen. Es parkt seit etwa vier Wochen „einsatzbereit“ in unserem Geschäftszimmer aber keiner traut sich, einen ersten Praxistest unter Volllast damit durchzuführen. Die dünnen Drahtkörbchen sind recht wacklig und dürften das Gewicht eines üblichen, von einem Kreuzgummi zusammengehaltenen Aktenbandes gar nicht aushalten. Schon wenn man den Wagen ohne Beladung schiebt, klappert und quietscht er wenig vertrauenerweckend vor sich hin.  Als Akten-Transport-Wagen scheint dieses fahrbare Drahtgestell also nicht sonderlich geeignet. Dafür sorgt sein Anblick aber auch nach vier Wochen noch regelmäßig für große Heiterkeitsausbrüche im Team und die Arbeit flutscht mit einem Lachen erheblich leichter und lockerer aus der Feder.

Auch die Doppelzunge flutscht ja im Idealfall mit einer entspannten inneren Haltung sehr locker vor sich hin. Das Bild des Drahtgestells stimmt mich innerlich so heiter, dass ich es wunderbar anstelle von Prinz Charles oder englischen Touristen auf Mallorca als Hilfsmittel für eine lockere Doppelzunge nehmen kann. Die Verbindung zwischen dem schäbigen und wackligen Drahtgefährt und einer akkuraten lockeren Doppelzungen-Artikulation beim Zinken erscheint auf den ersten Blick vielleicht seltsam und wenig logisch. Da es aber ebenso seltsam und wenig logisch ist, dass ich mich überhaupt mit dem Zink und der Doppelzunge herumplage, passt das innere Bild bei näherer Betrachtung dann doch wieder ganz gut.

Vielleicht ist es manchmal gar nicht so schlecht, wenn man nicht das bekommt, was man sich wünscht (wie z.B. einen vernünftigen Aktenwagen), sondern etwas, von dem man gar nicht wusste, dass es so etwas gibt und von dem man in der Form daher auch nie geträumt hätte. Für irgendetwas kann auch das Nicht-Gewünschte gut sein, und wenn es einfach nur das jeweilige innere Bild davon ist, das als unerwartetes aber willkommenes Hilfsmittel das Erlernen der Doppelzunge voranbringt.