Zeit

Im Urlaub hatte ich viel Zeit zum Entspannen und Ausruhen. Dann ist mir aber Mitte Juni doch wieder eine neue Geschichte eingefallen, passenderweise zum Thema Zeit:

Vor einiger Zeit habe ich eine spannende Fortbildung zum Thema „Diversity“ besucht. Unter anderem haben wir uns da auch mit dem unterschiedlichen Zeitverständnis von Menschen und ganzen Kulturkreisen beschäftigt. Es gibt ja polychrone und monochrone Zeittypen. In Deutschland leben wir in einer monochron geprägten Welt und ich passe da mit meinem Verständnis für die Zeit zu 100 % hinein. In der monochronen Vorstellung ist die Zeit etwas Übergeordnetes und linear Durchlaufendes, an dem sich Geschehnisse und Ereignisse orientieren, sortieren und zuordnen lassen. Daten und Termine sind etwas sehr Wichtiges und die individuelle Zeit kann man beplanen und effektiv nutzen. Außerdem findet eine strikte Trennung statt zwischen der Zeit, die man zum Beispiel für die Arbeit aufwendet und der Freizeit.

Die polychrone Zeitauffassung finde ich schwierig zu erklären, da sie mir sehr fern ist. Ich habe das so verstanden, dass die Zeit nur eine untergeordnete Rolle spielt und im Übrigen aber unbegrenzt zur Verfügung steht. Menschen und Beziehungen stehen im Vordergrund während Daten, Termine und Pünktlichkeit nicht so wichtig sind und auch einer Trennung zwischen Arbeitszeit und privater Zeit keine große Bedeutung zugemessen wird.

In der Fortbildung aufschlussreich fand ich die Erkenntnis, dass es im Verhältnis der beiden Zeittypen zueinander und den natürlich auch existierenden Mischformen kein „besser“ oder „schlechter“ gibt sondern einfach nur ein „anders“. Es erleichtert aber das Verständnis für bestimmte Verhaltensweisen von Menschen, wenn man um die Unterschiedlichkeit der Zeittypen weiß.

Als monochron geprägtem Menschen sind mir mein Terminkalender, eine verbindliche Planung von Terminen und deren pünktliche Einhaltung ein zwingendes Bedürfnis, das ich allerdings manchmal selber belächele. Vor allem dann, wenn ich mit polychron veranlagten Menschen zu tun habe, fällt mir auf, dass ich da teilweise doch sehr eng getaktet bin.

Im Urlaub ist das immer ganz anders. Da genieße ich es, völlig frei von jeglichem zeitlichen Korsett tun und lassen zu können, was und vor allem wann ich will. Unseren letzten Urlaub haben wir kürzlich in Südtirol verbracht, einem Teil von Italien, der deutsch und daher ganz vertraut monochron geprägt ist. Wir sind viel gewandert und die Beschilderung der Wege ist dort vorbildlich. Auf vielen wegweisenden Schildern finden sich sogar Zeitangaben. Allerdings ist uns aufgefallen, dass sich bei diesen Zeitangaben doch wohl ein polychrones Lebensgefühl der dortigen Bewohner abzuzeichnen scheint. So sind wir einen Tag vom Dorf Tirol hinabgewandert nach Meran und kamen an einem Schild vorbei mit der Angabe „Meran ‘10“. Wir haben daraus geschlossen, dass es noch so in etwa zehn Minuten dauert, bis wir zu Fuß den Ortskern von Meran erreichen. Da haben wir aber wohl etwas nicht richtig interpretiert, wir waren insgesamt noch eine gute halbe Stunde unterwegs. Vielleicht war auch gemeint, noch zehn Minuten, bis man Meran das erste Mal sieht? Wir hätten uns da doch eine unmissverständlichere Ausschilderung gewünscht.

Ein Tagesausflug hat uns zum Schloss Juval geführt, dem Sommer-Wohnsitz von Reinhold Messner mit angegliedertem Museum, in dem er viele Exponate aus dem Himalaya ausstellt und auch einen tibetischen Gebetsraum eingerichtet hat. Unser Auto haben wir in einem kleinen Ort abgestellt und uns frohgemut an den Aufstieg zum Schloss gemacht, dem Wegweiser folgend: „Juval ‘50“. Zehn Minuten und gefühlte 500 anstrengende Höhenmeter später kamen wir an einem identischen Schild vorbei mit dem Hinweis, dass es noch 50 Minuten sind bis zum Ziel. Weitere zehn Minuten und noch mal 500 Höhenmeter weiter informierte uns ein dritter Wegweiser wiederum darüber, dass wir noch 50 Minuten zu laufen hätten.

Vielleicht sollte uns durch dieser Art der Beschilderung die Erfahrung geschenkt werden, dass es Wichtigeres gibt im Leben, als irgendwelche Zeitangaben von irgendwelchen anderen Leuten. Vielleicht steht auch irgendeine tibetische Weisheit dahinter, die wir auf diese Art und Weise erkennen oder vielmehr erspüren sollten. So ganz habe ich das aber nicht verstanden. Reinhold Messner war leider gar nicht da, so dass ich ihn nicht nach dem tieferen Sinn dieser Art der Beschilderung fragen konnte. Durch das Schloss hat uns ein netter älterer Herr geführt, aber der wusste das auf meine gezielte Nachfrage auch nicht genau zu erklären sondern murmelte nur etwas von mangelnder Fitness. Aber wie gesagt, so genau habe ich das alles nicht verstanden. Ehrlicherweise war ich aber auch ziemlich ausgepumpt und daher vielleicht nicht so aufmerksam und aufnahmefähig wie gewohnt.

Auch wenn ich nicht im Urlaub bin, gibt es natürlich immer Momente in meinem Leben, in denen ich aus meinem monochronen Zeitstrahl herausfalle und jedes Gefühl für die Zeit verliere. Das geschieht vor allem dann, wenn ich mit vollem Herzen und ganzer Seele bei dem bin, was ich gerade tue.

Im Urlaub ist das jeden Abend passiert beim Genuss des wirklich jedes Mal hervorragenden 5-Gänge-Menüs, bei dem wir annähernd zwei Stunden gegessen, getrunken, geredet, gelacht oder einfach nur von unserer Terrasse ins Etschtal geblickt haben.

Im Alltag kann ich ansonsten schon mal beim Schreiben von Geschichten die Zeit vergessen. Und natürlich beim Zinken, wenn ich mit ganz viel Glück hin und wieder so wunderschöne Klänge erwische, dass ich mich da einfach hineinfallen lassen kann. Ich weiß zwar, dass ich eigentlich immer voll dabei sein soll beim Zinken, immer am Klang und der Intonation arbeiten soll, immer genau hinhören und korrigieren und verändern und anpassen und nachjustieren und gegensteuern soll. Aber hin und wieder passiert es dann doch, dass der Klang sich so wunderbar entfaltet, dass mein Hirn kurz mal aussetzt und ich mich im Moment verliere.

Ein bisschen ist das vielleicht doch wie beim Anstieg zum Schloss Juval. Ich registriere den jeweiligen Klangmoment, genieße ihn und freue mich, dass das Ende des Stückes, das ich gerade spiele, noch  50 Sekunden entfernt ist. Beim nächsten schönen Klang freue ich mich dann wieder, dass das Stück noch nicht zu Ende ist und so weiter und so weiter. Und wenn ich dann doch irgendwann bei der letzten Note angekommen bin, kann ich mich ja sogar dafür entscheiden, das ganze Stück noch einmal zu wiederholen. Dann habe ich wieder 50 Sekunden, die noch bis zum Ziel vor mir liegen und auf die ich mich freuen darf.

Kann das so einfach sein? Ich werde Reinhold Messner mal schreiben und nachfragen ob vielleicht doch irgendeine tibetische Weisheit hinter dieser ganzen Sache steckt.