alles bio

im Februar 2019 bin ich über einen interessanten Zeitungsartikel gestolpert, der mich zum Nachdenken gebracht hat:

Im Januar 2019 teilen wir uns die Erde und ihre begrenzten Ressourcen mit knapp 7.675.000.000 anderen Menschen. Dass wir auf unsere Umwelt aufpassen müssen, um unseren Nachkommen noch einen bewohnbaren Planeten zu hinterlassen, haben mittlerweile viele Menschen verstanden. Bei der Umsetzung eines nachhaltig umweltbewussten Lebens hapert es aber noch häufig und ich stelle immer wieder fest, dass es manchmal gar nicht so einfach ist, sich umweltgerecht zu verhalten.

In einigen Bereichen meines Lebens bin ich in dieser Beziehung schon recht weit fortgeschritten. Unsere Handtücher und Bettwäsche beziehe ich zum Beispiel seit Jahren nur noch von einem Öko-Versandhandel. Garantiert wurden in der Dritten Welt keine Kinder dafür zur Arbeit herangezogen und die Farben sind biologisch abbaubar und nicht giftig.

Unser Vollkornbrot backe ich seit Jahrzehnten selber aus frisch gemahlenem Getreide aus dem Bio Laden. Um den selber mit einem Starter aus Bio-Sauerkrautsaft vor Jahren angesetzten Sauerteig kümmere ich mich sorgsam und liebevoll und er gärt nach all der Zeit noch immer in seinem Glas im Kühlschrank fröhlich vor sich hin.

Bei Bio Honig aus dem Supermarkt achte ich nach einem alarmierenden Fernseh-Beitrag, den ich kürzlich gesehen habe, mittlerweile darauf, dass im Kleingedruckten nichts von Honig von außerhalb der EU steht. Sonst könnte da nämlich Billig-Honig aus China mit beigemischt sein.

Unsere Wäsche habe ich einige Zeit mit Waschnüssen aus dem Öko-Versandhandel gewaschen. Das hat ganz gut geklappt und die Waschlauge und natürlich auch die Nussreste sind zu 100 % biologisch abbaubar. Allerdings war es ziemlich langweilig, der Wäsche beim Waschen zuzugucken, weil das nicht im Geringsten geschäumt hat. Irgendwann habe ich dann aber in einem Artikel einer Bio-Zeitschrift  gelesen, dass die ökologische Bilanz der Waschnüsse gar nicht so gut ist. In Afrika, wo man mit den Waschnüssen traditionell die Wäsche wäscht, wird das Produkt nunmehr gewinnbringend ins umweltbewusste Ausland verkauft. Als Ersatz dafür werden dann große Mengen von Waschpulver benutzt, welche die Gewässer in Afrika ungefiltert belasten. Unsere hochwertigen Waschmaschinen holen aus einem Minimum an Waschmittel das Maximum an Ergiebigkeit heraus, so dass es ökologisch sinnvoller ist, die Waschnüsse in Afrika zu lassen und hier mit herkömmlichem Waschmittel zu waschen. Jetzt macht mir das Zugucken beim Waschen auch wieder Spaß, es schäumt so schön.

Der Verzicht auf Plastik gelingt mir noch nicht so zufriedenstellend, wie es möglich wäre. Da nehme ich mir aber fest vor, zukünftig  noch ein bisschen genauer darauf zu achten, wo ich Kunststoffe vermeiden kann.

Bei meinem Hobby, dem Musizieren, bin ich vor nun bald zwei Jahren auf ein Instrument gewechselt, das aus einfachen Naturmaterialien hergestellt ist. Aber auch hier kann man natürlich einiges kritisch hinterfragen. Der Zink besteht aus zwei Holzhälften, die zusammengeleimt und mit Pergament oder Leder umwickelt sind. Um die Grifflöcher ist jeweils noch etwas Lack aufgetragen.  Über meinen Lehrer habe ich bei einem Instrumentenbauer in Paris einen Zink in Auftrag gegeben, aber ich habe ehrlicherweise vergessen mich zu vergewissern, dass:

  1. das Holz in nachhaltiger und ökologischer Forstwirtschaft gewachsen ist,
  2. das Leder von glücklichen und freilaufenden Bio-Tieren stammt, die artgerecht geschlachtet wurden
  3. der Leim aus ökologisch unbedenklichen Zutaten hergestellt wurde und zu 100 % biologisch abbaubar ist und
  4. der Lack keine toxischen Stoffe und keine Mikroplastikpartikel enthält und ebenfalls biologisch abbaubar ist

Mein Französisch ist nicht gut genug, um mit dem Instrumentenbauer Kontakt aufzunehmen und den ökologischen Fußabdruck der von ihm gebauten Zinken zu diskutieren. Vielleicht ist es aber auch ganz gut, wenn ich gar nicht weiß, ob mein neuer Zink ein Bio-Zink sein wird oder nicht. Angenommen ich wüsste, dass er nicht nachhaltig ökologisch hergestellt und vollständig biologisch abbaubar ist, wäre ich ja in einem erheblichen Gewissenskonflikt. Ich müsste entscheiden, ob ich zugunsten der Klangqualität des Instrumentes seine Öko-Bilanz außer Acht lasse. Nachher kann ich nur noch mit schlechtem Gewissen zinken und das ist für einen schönen und entspannten Klang mit Sicherheit nicht förderlich.

Auf diese ganze Bio Thematik bin ich aufmerksam geworden durch einen Artikel in unserer Tageszeitung, der mich kürzlich aufgeschreckt hat. Es wurde dort ausführlich erläutert, dass wir uns zwar in unserem Leben durchaus umweltbewusst verhalten können, dass aber der menschliche Körper an sich gar keine Bio-Qualität hat. Nach unserem Ableben schädigen wir bei allen herkömmlichen Bestattungsarten, bei denen unsere Körper im Bereich unseres Planeten bleiben, also in der Erde, im Wasser oder in der Luft, die Umwelt. Theoretisch müssten wir also unsere Körper eigentlich ins All schießen, aber der Transport dahin mittels Raketen ist natürlich auch wieder umweltschädigend.

Dass sich während unseres gesamten Lebens in unserem Körper Schadstoffe anreichern und ablagern, ist bei dem Zustand unserer Atemluft und unserer Nahrung kaum zu vermeiden. Darüber hinaus sammeln sich aber vor allem auch aus dem medizinischen Bereich umweltunverträgliche Stoffe in uns an. Neben Medikamentenrückständen spielen hier beispielsweise Zahnimplantate eine große Rolle oder auch künstliche Knie- oder Hüftgelenke. Reste davon können beim Begräbnis im Boden zurückbleiben, die Weltmeere verschmutzen oder trotz hochmoderner Filteranlagen der Krematorien in die Luft gelangen.

Ein Zahnimplantat habe ich bereits und neben Inlays aus Gold (das dürfte ökologisch kein Problem sein) habe ich auch Kunststofffüllungen. Ich muss dringend mit meiner Zahnärztin einen Termin vereinbaren, um mit ihr zu besprechen, ob aus ökologischer Sicht eine Nachbehandlung meiner Zähne geplant werden sollte, damit ich mittelfristig mit einem Bio-Gebiss kraftvoll zubeißen kann.

Meine Gelenke kann ich derzeit noch alle ganz geschmeidig und schmerzfrei bewegen. Ich hoffe, dass ich ohne künstliche Gelenke durch den Rest meines Lebens komme, da ich die Abwägung zwischen meinem Interesse an einem schmerzfreien Bewegen und dem Interesse der Weltbevölkerung an einer intakten Umwelt tatsächlich nicht treffen möchte.

Auch wenn ich keinen Bio-Körper habe, werde ich aber zumindest in meinem Testament verfügen, dass ich in einem unlackierten Bio-Sarg aus Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft und mit einem Sarginnenleben aus Ökodecken aus Bio-Hanf beerdigt werden möchte. Dann brauche ich kein ganz so schlechtes Gewissen habe, wenn ich einmal sterbe. Neben einem umweltbewussten Leben ist nun also in heutiger Zeit auch ein umweltbewusstes Ableben schwierig geworden. Das macht das Leben jetzt auch nicht gerade einfacher!