Geräusche

Mitte April 2019 war das Bahnfahren zur Arbeit recht anstrengend, weil es bedingt durch eine größere Baustelle zu erheblichen Verspätungen oder sogar Zugausfällen kam. Ich war immer froh, wenn die Züge überhaupt fuhren und hatte in der Bahn viel Zeit, mir die folgende Geschichte zu überlegen:

Wegen längst überfälliger Bauarbeiten in Hude läuft derzeit meine Bahnverbindung, die ich als Pendlerin nutze, nicht so geschmeidig wie gewohnt. Kürzlich ist der Zug morgens im Schritttempo vor sich hingeschlichen. Zur Information der Reisenden  ertönte eine leise, erklärende Durchsage des Lokführers: „Schschschschschschkrkrkrkschschsch-strecke-schschschschkrkrkrkschsch-delmenhorst-schschschkrkrk“.

Eine Zugbekanntschaft lächelte mich erleichtert an und meinte, das sei ja nun Gott sei Dank noch im Rahmen. Auf meinen erstaunten Blick erläuterte sie, dass sie schon immer gut habe hören können und übersetzte mir die Durchsage: Wegen  hoher Auslastung des vor uns liegenden Streckenabschnitts aufgrund von Bauarbeiten, kann der Zug nur langsam fahren und wird die nächste Station in Delmenhorst mit 10 Minuten Verspätung erreichen.

Obwohl ich derzeit durch meine Zinkstudien mein Gehör im Allgemeinen und genaues Hinhören im Besonderen täglich trainiere, habe ich die Durchsage nur als „Geräusche-Brei“ wahrgenommen und die dahinterstehende eigentliche Botschaft nicht verstanden. Die Situation hat mich zum Nachdenken gebracht über Geräusche, die wir hören und wie wir auf sie reagieren.

Es gibt ja Klänge, bei denen sich bei der bloßen Vorstellung daran die Nackenhaare aufstellen. Für mich zählen dazu Zahnarztbohrer und über eine Tafel kratzende Fingernägel. Bei anderen Geräuschen kann ich gut entspannen, wie zum Beispiel bei Meeresrauschen, dem Wind in den Weiden oder Vogelgezwitscher. Noch wieder andere Klänge gehören für mich zum Zuhause sein dazu, so der Laubsauger des einen Nachbarn oder die Hard-Rock Musik, die unser anderer Nachbar gerne hört, wenn er auf seiner Auffahrt, also quasi direkt an unserer Terrasse, sein Motorrad ausgiebig pflegt und poliert.

Einige Geräusche machen uns auf Gefahren aufmerksam. Dazu zählt etwa das Piepen, wenn ein Laster oder ein Bus rückwärts fährt. Auch eine Fahrradklingel oder eine Autohupe warnen andere Verkehrsteilnehmer vor brenzligen Situationen. Unser jüngster Sohn hat nach seiner Entbindung ein paar Tage auf der Neugeborenen Intensiv Station gelegen. Das vielfältige Piepen der ganzen Geräte, die die Lebensfunktionen von ihm und den anderen Neugeborenen überwacht haben und die ständigen Alarmtöne kann ich mir heute noch ohne weiteres vergegenwärtigen, bin sofort im damaligen Stresslevel und mein Blutdruck steigt dramatisch in die Höhe. Eine Zeit lang habe ich in der öffentlichen Verwaltung in einem Bereich gearbeitet, wo wir aus Sicherheitsgründen Alarmknöpfe auf unseren Schreibtischen hatten. Um die belastete Situation insgesamt ein wenig humorvoller und dadurch erträglicher zu gestalten, hatten wir uns in unserem Team als Alarmsignal den Roten Alarm vom Raumschiff Enterprise ausgesucht. Ich bilde mir ein, dass ich dadurch in Gefahrsituationen immerhin ein wenig schmunzelnd aufgesprungen bin.

Kürzlich hatten meine Kollegin, mit der ich mir ein Büro teile, und ich eine arbeitsmedizinische Untersuchung unserer Arbeitsplätze. Wir hatten ja gedacht, dass wir vernünftig lüften, aber der Kohlendioxidgehalt in unserem Büro war deutlich zu hoch. Die Fachfrau hatte ein Gerät mit dabei, das etwa 10 Minuten lang penetrant gepiepst hat, bis wir endlich genug gelüftet hatten. Im Büro besteht ja nun bei einem zu hohen Kohlendioxidgehalt der Raumluft die reale Gefahr, dass man einschläft und mit dem Kopf auf den Schreibtisch knallt und sich dabei vielleicht auch noch mit einem Kugelschreiber ins Auge stößt. Ich denke, meine Kollegin und ich werden uns die Anschaffungskosten für ein eigenes Kohlendioxid-Warngerät teilen. Vielleicht kann man sich ja aber auch schon eine App dafür herunterladen.        

Es gibt neben dem intensivmedizinischen Piepen auch noch eine Vielzahl von anderen Geräuschen, auf die ich automatisch körperlich reagiere. Beim Klingeln des Weckers am Morgen denke ich gar nicht groß nach. Noch bevor mein Hirn wach ist, sitze ich schon auf der Bettkannte und begebe mich umgehend in die Senkrechte. Wenn ich bestimmte Musikfetzen im Radio höre, sprinte ich hin, stelle es laut und fange an zu tanzen. Bei der Vorstellung des Geräusches, das entsteht, wenn jemand meine Lieblings-Kartoffelchips knuspert, läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Und bei Pieps-Geräuschen in entsprechenden Frequenzen unterbreche ich, was immer ich gerade tue, springe auf und laufe zur Waschmaschine, zum Geschirrspüler oder zum Backofen um das jeweilige Gerät auszustellen. Irritierend ist es manchmal, wenn Fernsehfamilien die gleichen Geräte haben wie wir. Mein Körper scheint nicht fähig zu sein zu unterscheiden, ob das Piepsen aus dem Fernseher oder von unseren Geräten stammt. Das Aufspringen läuft automatisiert ab, da kann ich gar nichts gegen machen.

Wie ich jetzt beim Zinken feststelle, sind alle diese automatischen körperlichen Reaktionen auf bestimmte Geräusche wunderbare aber noch recht grobe Vorübungen für das Feintuning meiner Zinkklänge. Auch hier gilt es ja, bestimmte Abweichungen vom Idealklang augenblicklich wahrzunehmen und sofort gegenzusteuern, am besten automatisiert, also ohne groß drüber nachzudenken. Wenn also das A oder das B mal wieder zu tief sind, muss ich den Gaumen hochziehen. Wenn das F zu ausgelatscht klingt, muss ich den Kiefer enger stellen und wenn der Klang insgesamt wattig ist, muss ich die Lippenspannung erhöhen oder den Ansatz geringfügig verändern. Diese Liste lässt sich endlos fortsetzen und mein Lehrer betont immer wieder gerne, dass beim Zinken jeder einzelne Ton extra erarbeitet werden muss.

So arbeite ich also nun täglich an einzelnen Tönen, aus denen ich dann vielleicht irgendwann einmal eine ansprechende Melodie zusammensetzen kann. Tonfolgen klappen zwar schon manchmal so einigermaßen, aber zufrieden bin ich damit noch lange nicht. Vielleicht bastele ich auch deswegen lieber Papierflieger zur Wolfsabwehr aus den Notenblättern, statt aus ihnen zu üben. Im nächsten Unterricht will mein Lehrer mit mir nun Tonübergänge durchnehmen. Ich hoffe, dass ich dadurch dann mittelfristig in der Lage sein werde zu verhindern, dass ich mir und eventuellen anderen Zuhörern nur einen Klangbrei à la „Schschsch-G-A-G-C-H-A-sch-G-schschkrkrkrkschschsch-schschschschkrkrkrksch-C-H-A-A-G-schschschschkrkrkrk“ serviere. Das Bestreben habe ich ja schon, irgendwann auch einmal eine wahrnehmbare und hoffentlich auch verständliche musikalische Botschaft zu transportieren.

Bis dahin werde ich aber notgedrungen sowohl meine grob- als auch meine feinmotorischen Reaktionen auf Klänge weiter fleißig trainieren und automatisieren.