Mengenlehre

Anfang März 2020 habe ich über einiges nachdenken müssen, was irgendwie alles zusammenhängt, auch wenn man das erst nicht meint. Beschäftigt haben mich das beeindruckende Buch „Würde“ von Gerald Hüther, ein schönes neues Wort, das ich im Zusammenhang mit LGBTQIA gelernt habe und beim Zinken mein lange währender Kampf mit der Artikulationstechnik „Doppelzunge“. Und natürlich noch einiges andere:

Als ich in der Grundschule war, haben wir uns im Mathematikunterricht eine Zeit lang mit der Mengenlehre beschäftigt. Ich weiß gar nicht, ob das heutzutage überhaupt noch in den Lehrplänen enthalten ist, aber wir haben seinerzeit einzelne Teilchen unterschiedlichen Teilmengen zugeordnet, die alle Bestandteile einer Gesamtmenge waren. So gab es rote Teilchen, die wir der einen Menge zu sortiert haben, eine andere Menge bestand aus lauter blauen Teilchen. Manchmal konnte man auch einzelne Teilchen zwei oder mehr Mengen gleichzeitig zuordnen. Diese Elemente haben dann eine Schnittmenge gebildet. Einige Elemente konnte man keiner Menge zuordnen, die standen außen vor und waren sozusagen Außenseiter. Letztlich kann man aber natürlich auch alle Außenseiter zu einer Menge zusammenfassen. Dann sind die einzelnen Teilchen nicht so alleine sondern ebenfalls einer Menge oder Gruppe zugehörig.

Wenn man Google Earth aufmacht, kann man das Prinzip der Teilmengen sehr schön auf globaler Ebene veranschaulichen. Gibt man zum Beispiel die Adresse meines Zuhauses ein, zoomt Google Earth auf unser Haus. Wenn man dann den Fokus erweitert sieht man, dass unser Haus Teil des Ortes Westerstede ist. Die Westersteder stellen eine Teilmenge der Einwohner des Landes Niedersachsen in Norddeutschland dar. Die Niedersachsen wiederum sind eine Teilmenge der Bewohner von Deutschland, Deutschland von Europa, und Europa von der ganzen Welt. Dann geht das theoretisch noch weiter über den Horizont unserer Weltkugel hinaus in unser Sonnensystem, unsere Galaxie usw.

Betrachtet man die Menschen auf der Erde, gibt es viele mögliche Unterscheidungsmerkmale. Dazu zählen z.B. ganz offensichtliche wie Geschlecht, Haar-, Augen oder Hautfarbe, Körpergröße oder –gewicht, Vollständigkeit oder Bewegungsfähigkeit der Gliedmaßen oder der allgemeine Gesundheitszustand. Ich persönlich finde mich in der Schnittmenge wieder, die sich ergibt aus den Teilmengen weiblich, helle Haarfarbe, blau-grau-grüne Augenfarbe, helle Haut, eher klein gewachsen, normalgewichtig, alle Gliedmaßen dran und voll und in alle Richtungen beweglich und von gefühlt  guter Gesundheit. Die Teilmengen, in denen ich mich befinde, sind aber allesamt Bestandteile der Gesamtmenge aller Menschen auf diesem Planeten. Diese bilden nun wiederum eine Teilmenge aller Lebewesen auf der Erde.

Die Unterscheidung nach äußerlichen Merkmalen scheint etwas Erlerntes zu sein und je nachdem wie verängstigt oder verunsichert Menschen sind, die sich einer bestimmten Gruppe zugehörig fühlen, lehnen sie andere Teilgruppen mehr oder weniger heftig ab. Kinder unterscheiden noch nach anderen Gesichtspunkten. Einmal habe ich eine Dokumentation gesehen, bei der Kindergartenkinder interviewt wurden. Zum Beispiel zwei kleine Mädchen, eins davon im Rollstuhl, das andere nicht. Auf die Frage, was sie denn unterscheide, haben sie mit Unverständnis reagiert und gesagt, gar nichts, sie würden beide gerne kuscheln. Auf die gleiche Frage an zwei kleine Jungen, einer dem Augenschein nach nordeuropäischer und der andere subsahara-afrikanischer Herkunft, sagte der eine von beiden, er würde lieber Playmo spielen und sein Freund aber lieber Lego.

Man kann Menschen natürlich auch nach ihrem Glauben unterscheiden und auch die Menschen, die nicht religiös sind, gehören zu einer eigenen Teilmenge. Aber immer sind alle nach religiösen Gesichtspunkten gebildeten Teilmengen Bestandteile der  Gesamtmenge aller Menschen. Auch eine Zuordnung nach politischen Grundhaltungen oder Überzeugungen kann man vornehmen. Auch hier gilt das Prinzip, dass alle so gebildeten Teilmengen zur Menge der gesamten Menschheit zählen.

Einige Menschen legen großen Wert darauf, anders zu sein als andere Menschen. Sie wollen nicht mainstream sein und betonen das gerne bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Auch diese Menschen sind damit aber Teil einer Gruppe von Menschen, und zwar von denjenigen, die sich auf genau diese Art definieren. Andere Menschen folgen ganz natürlich ihrem inneren Kompass und sind dadurch ebenfalls nicht mainstream. Sie unterscheiden sich aber von der anderen „nicht-mainstream-Teilmenge“ der Menschheit dadurch, dass sie durch ihr Verhalten nicht eine Sonderstellung anstreben. Mit der ihnen eigenen Würde können sie sich gar nicht anders verhalten, als von ihren inneren Werten vorgegeben und die Frage, ob sie mainstream sind oder nicht, ist ihnen völlig gleichgültig.

Das Prinzip der Mengenlehre lässt sich auf alle nur denkbaren Bereiche des Lebens ausdehnen. In Bezug auf mein Hobby, das Musizieren, zähle ich mich zum Beispiel zu der Teilgruppe der Menschheit, die eine musikalische Grundausbildung erhalten hat. In dieser Teilmenge gehöre ich zu den Menschen, die das Spielen von Instrumenten erlernt haben. Insbesondere fühle ich mich der Teilmenge von Instrumentalisten zugehörig, die sich intensiv mit dem Zink beschäftigen. In der Teilmenge der Zinkenisten gehöre ich zu denen, die leichter die hohen Töne spielen können als die tiefen. Gleichzeitig bin ich aber auch der Teilmenge der Zinkenisten zuzurechnen, die sich mit der Doppelzunge schwertun und bilde daher eine entsprechende Schnittmenge. Jedenfalls hoffe ich, dass es noch andere Zinkenisten mit einem Doppelzungen-Defizit gibt. Im Augenblick fühle ich mich jedenfalls  ganz schön alleine in meiner Schnittmenge.

In einem ganz anderen Bereich meines Lebens kann ich erst seit kurzem benennen, welcher Teilmenge der Menschheit ich angehöre. Es gibt ja die mit LGBTQIA benannte Menge der Menschen, die sich aus den Teilmengen lesbischer, schwuler (gay), bisexueller, transsexueller, queer, inter- und asexueller Menschen zusammensetzt. Zu dieser Menge gehöre ich nicht, wusste aber auch nicht so genau, wie ich die Teilmenge, der ich mich zuordne, definieren und bezeichnen sollte. Ich mag meine sexuelle Identität und Neigung nicht als „normal“ bezeichnen, weil das ja im Umkehrschluss bedeutet, dass jeder, der nicht so tickt wie ich, „nicht normal“ wäre und das widerspricht meiner tiefsten inneren Überzeugung. Ich war also immer ganz schön in der Zwickmühle und bin dem Thema gerne ausgewichen.

Nun bin ich aber durch einen Schriftsatz, der sich mit der Benachteiligung und Diskriminierung der LGBTQIA Teilmenge auseinandersetzt, darauf aufmerksam geworden, dass ich zu den Menschen mit einer cisgender Ausprägung gehöre. Das bedeutet, dass ich mit weiblichem Geschlecht geboren wurde, als Mädchen aufgewachsen bin und geprägt wurde und mich als Frau in meinem weiblichen Körper auch absolut wohl und richtig fühle. Damit weiß ich nun hinsichtlich meiner sexuellen Identität, dass ich zur Schnittmenge der cisgender Menschen mit heterosexuellen Neigungen zähle.

Ich denke doch mal, dass ich in dieser Schnittmenge nicht so alleine dastehe, wie in meiner Zink-Schnittmenge. Es ist irgendwie doch manchmal ganz schön, wenn man sich nicht als einziges Teilchen in einer Teil- oder Schnittmenge wiederfindet, sondern sich mit anderen zusammen als Element einer Menge fühlen darf. Wichtig ist nur, dass man als einzelnes kleines Teilchen nicht vergisst, dass jede Menge immer Teil einer größeren Menge ist und letztlich alles zusammengehört, auch wenn die einzelnen Elemente blau oder rot sind, oder cis oder trans oder die Doppelzunge beherrschen oder eben auch nicht.