Erinnerungen

Es gibt gute Erinnerungen und nicht so gute. Sie können sich auch im Laufe der Zeit verändern, entweder von alleine oder weil wir sie bewusst beeinflussen. Kürzlich habe ich vier wunderbare Tage auf einem musikalischen Workshop verbracht und schwelge Anfang Juli 2021 noch immer in den wunderbaren Erinnerungen.

Im Laufe meines Lebens habe ich viele Erinnerungen angesammelt. Allerdings ist mir dabei klar, dass die Dinge, an die ich mich zu erinnern meine, gar nicht unbedingt so auch stattgefunden haben. Andere Menschen erinnern ein und dieselbe Sache oft unterschiedlich. Das wird beispielsweise bei Zeugenaussagen in Gerichtsprozessen deutlich. Der eine hat drei Schüsse gehört, jemand anders vielleicht vier oder noch mehr oder gar keinen. Auch Personenbeschreibungen bilden nicht immer das wirkliche Abbild des zu beschreibenden Menschen ab und Phantombilder können zuweilen irreführend sein. Wenn Zeit vergeht, verschwimmt auch oftmals die Erinnerung oder wird durch Bilder, eigene Gedanken oder Impulse von außen überlagert, verändert oder verfälscht. Bei zwei Gelegenheiten, bei denen ich erwartet hatte, als Zeugin aussagen zu müssen, habe ich mir daher vorsichtshalber sofort nach dem Geschehen Notizen gemacht.

Nach einer meiner frühesten Kindheitserinnerungen hat mich mein Vater einmal mitten in der Nacht geweckt, mich sorgsam in eine Decke gewickelt, ins Wohnzimmer getragen und mir gesagt wir würden jetzt etwas ganz Besonderes im Fernsehen gucken. Wir haben uns dann live die erste Mondlandung angeschaut, ich war gerade zwei Jahre alt geworden. Die Fernsehbilder von damals sind natürlich mittlerweile überlagert von den Bildern, die ich später davon gesehen habe und ich weiß auch gar nicht, ob ich in der betreffenden Nacht im Juli 1969 überhaupt die ganze Zeit wachgeblieben bin. Aber das Gefühl, etwas Einmaliges erlebt zu haben, ist geblieben. Das nächste derart einprägsame Fernseherlebnis war dann die erste Landung eines Space Shuttles. Damals noch zusammen mit meinen Großeltern hatte sich die ganze Familie erwartungsvoll vor dem Fernseher versammelt und das Ereignis atemlos verfolgt.

Sinneseindrücke wie Gerüche, Bilder, oder Geräusche können bei mir unwillkürlich Erinnerungen wachrufen und mich in eine andere Stimmung versetzen: „das riecht wie bei Oma“, „das Blau leuchtet wie der Himmel über Kreta“, „dieses Doppelkonzert von Bach war das erste Stück, das ich als Bratsche im Musikschulorchester mitspielen durfte“. Mein Verstand kann in der Regel die Erinnerungen zeitlich einordnen und so weiß ich, dass sich eine Situation, die ich gerade erinnere, in der Kindheit abgespielt hat, irgendwann in der Schulzeit oder während unsere Kinder noch klein waren. Der Geruch nach selbstgebackenen Keksen scheint übrigens nicht nur bei mir, sondern bei der überwiegenden Mehrheit der Menschen zumindest in meinem Kulturkreis ein wohliges Gefühl auszulösen. Nicht umsonst gibt es Empfehlungen, beim beabsichtigten Verkauf eines Hauses oder eine Wohnung Kekse zu backen, bevor Kaufinteressenten die Immobilie besichtigen.   

Es gibt aber auch Ereignisse, die sind existenziell bedrohlich oder so unfassbar grausam, dass der Verstand sie nicht fassen und daher auch nicht einordnen kann. Viele Menschen erleben auf der Flucht, im Krieg oder bei Terroranschlägen Fürchterliches oder müssen hilflos mit ansehen, wie anderen Menschen Unvorstellbares angetan wird. Der Verstand weigert sich, das Geschehen zu erfassen und „vernünftig“ abzuspeichern, der Mensch will ja definitiv woanders sein, als in dem beängstigenden und Entsetzen und Panik auslösenden „Hier und Jetzt“. Später können Erinnerungen an das Erlebte durch einen winzigen Sinnesreiz wachgerufen werden. Da aber eine zeitliche oder andere Einordnung der Erinnerung durch den Verstand eben nicht möglich ist, erlebt die betroffene Person in einem Flashback hilflos die damalige Emotion erneut und ist in der Erinnerung gefangen.

Abgesehen von diesen Flashbacks, bei denen der Verstand ausgeschaltet ist, haben wir durchaus auch die Möglichkeit, Erinnerungen bewusst zu beeinflussen. Mir ist das aufgefallen bei Erinnerungen an missglückte Vorträge mit dem Zink. Ich kann meine Erinnerung fokussieren auf den verpatzten Anfangston, einen völlig verunglückten schnellen Lauf, wegbrechende Tonenden, fehlende Tonübergänge oder die insgesamt missglückte Intonation. All diese Dinge kann ich natürlich nicht wegdenken oder ignorieren, sondern will ja gerade an den misslungenen Details arbeiten und Fehlerquellen für die Zukunft minimieren. Ich kann aber meinen Fokus bei meinen Erinnerungen bewusst legen auf das Geschenk, mit anderen Menschen zusammen musizieren zu dürfen, die gute Atmosphäre, den warmen Applaus oder die positiven Rückmeldungen. Mir gelingt dieses bewusste Umfokussieren oder Neubewerten meiner Erinnerungen noch nicht immer, aber immer öfter.

Vor kurzem habe ich mit meinem Zink an einem Vokalkurs des Heinrich-Schütz-Hauses in Crossen an der Elster teilgenommen. Ich blicke zurück auf vier Tage, an denen ich in jeder Millisekunde genau da sein wollte, wo ich war und genau das tun wollte, was ich getan habe. Ich war vier Tage lang absolut und ausnahmslos im „Hier und Jetzt“ und die Zeit war prall gefüllt mit Musik, Energie, Freude, Glück, guten Begegnungen, neuen Erfahrungen, neu Erlerntem, intensiven Gesprächen und Lachen. Mein Verstand scheint gar nicht in der Lage zu sein, alles das, was in vier Tagen purer Freude passiert ist, detailliert abzuspeichern. Ich versuche, mich an einzelne Begebenheiten zu erinnern, aber mein Hirn hat einfach die komplette Zeit als einen einzigen „Glücksblock mit Zink“ abgespeichert. Details erinnere ich kaum, aber in einer Art positivem Flashback kann ich augenblicklich die Glücksemotionen des langen Wochenendes abrufen und wieder und wieder genießen.

Zwei Begebenheiten bilden eine Ausnahme und ich kann mich genau an sie erinnern. Mir ist nur noch nicht klar, warum sich mein Gehirn nun ausgerechtet diese beiden Situationen ausgewählt hat. Außerdem wäre es natürlich spannend zu erfahren, ob das, was und wie ich es erinnere, in der Erinnerung der anderen beteiligten Personen genauso abgespeichert ist.

Die eine Situation hat gar nichts mit Musik zu tun. Mit einem Bass-Dulcian Spieler habe ich bereits das dritte Mal gemeinsam einen Kurs besucht und wir haben uns zu einem eingespielten Frühstücksteam arrangiert. Er bekommt von mir mein zweites Brötchen und ich dafür seinen Orangensaft. Am letzten Morgen war er ein wenig später dran als sonst. Alle anderen Tische waren bereits voll besetzt, nur ich saß noch ganz allein am Frühstücktisch, als die Tür aufging und er den Raum betrat. Gleichzeitig fing die Kuckucksuhr im Gastraum an, im Sekundentakt „Kuckuck“ zu rufen. „Was für ein großer Auftritt“ sagte er und setzte sich zu mir an den Tisch. Der „große Auftritt“ entwickelte dann aber unfreiwillig eine absolute Komik, weil die Kuckucksuhr gefühlte 10 Minuten lang unermüdlich weiter „Kuckuck“ rief und nicht zu stoppen war, bis sie dann irgendwann von selber aufgehört hat. Die Situationskomik war so grandios, dass wir minutenlang Tränen gelacht haben und auch hinterher ein „Kuckuck“ bei mir zu erneuten Lachanfällen geführt hat.

Die zweite Situation, die sich mir unauslöschlich eingeprägt hat und mir beim Dran-Erinnern eine wohlige Gänsehaut verursacht, ist das gemeinsame Musizieren mit einer anderen Kursteilnehmerin. Im Konzert sind ihre wunderbar warme Stimme und mein Zinkklang beim Gestalten der ersten Stimme von Versus 2, „Den Tod niemand zwingen kunnt“ von Johann Sebastian Bach (BWV4) auf unvergleichliche Art und Weise miteinander verschmolzen.

Bei Durchsicht meiner bisherigen Zink-Geschichten ist mir aufgefallen, dass sich meine Erlebnisse mit dem Zink und das Erinnern an Zink-Ereignisse im Laufe der Zeit deutlich verschoben haben. Mein Doppelzungen-Defizit ist mittlerweile nicht mehr wichtig, meine Anstrengungen aus der Anfangszeit, überhaupt verlässlich einen Ton hervorzubringen, sind längst Vergangenheit und meine Bemühungen, die unzähligen Bewegungsabläufe miteinander zu koordinieren ohne dass ich mich innerlich verwurschtel und verknote sind fast vergessen. Was bleibt, ist ein einziger, vierjähriger „Glücksblock mit Zink“, in dem einzelne Erinnerungen verschmolzen sind zu einem großen Ganzen.

Kürzlich habe ich einige frühe Geschichten in meinem Blog gelesen und konnte gar nicht glauben, was ich da alles geschrieben habe. Ich bin dankbar dafür, dass sich in meiner Erinnerung mittlerweile vieles verklärt hat.