Sorgfalt

Mitte Mai 2019 habe ich das Sozialrecht, das Zinken und ein paar Überlegungen zum Lernen miteinander vermengt und gut geschüttelt. Herausgekommen ist die folgende Geschichte:

Kürzlich habe ich einen Vortrag gehört zu Systematik, Sinn und Zweck des Sozialgesetzbuches. Da ich mich beruflich täglich mit Teilen davon beschäftige, habe ich nichts grundsätzlich Neues gelernt. Der Referent hat es aber verstanden, einige Fragen auf amüsante Art und Weise anzusprechen. So hat er einprägsam darauf hingewiesen, dass eine nicht immer nachvollziehbare Diskrepanz besteht zwischen der Wichtigkeit bzw. grundlegenden Bedeutung von Vorschriften und ihrer jeweiligen Länge. Beispielsweise befasst sich § 291a Fünftes Buch Sozialgesetzbuch mit 3.730 Wörtern und insgesamt 26.583 Zeichen inklusive Leerzeichen über eine Länge von sechs DIN/A 4 Seiten mit Details zur Elektronischen Gesundheitskarte und Telematikinfrastruktur. Der Gesetzgeber hat enorm viel Sorgfalt darauf verwendet, diese Belange zu regeln. Sie scheinen ihm also sehr wichtig zu sein. Zuhause habe ich allerdings erstmal googeln müssen, was die Telematikinfrastruktur eigentlich ist und kann die Länge der Vorschrift nicht in einen vernünftigen oder nachvollziehbaren Bezug setzen zur Wichtigkeit dieser Regelung.

Gegen diesen auffällig langen Paragraphen mutet § 22 Zweites Buch Sozialgesetzbuch mit seinen 1.000 Wörtern und nur 7.274 Zeichen relativ kurz an. Hier werden allerdings wichtige und viele Menschen existentiell betreffende Regelungen getroffen zur Übernahme der Kosten der Unterkunft beim Bezug von existenzsichernden Leistungen. Die Kernregelung steht gleich am Anfang mit insgesamt 16 Wörtern und sie bietet jede Menge Raum für unterschiedliche Auslegungen und damit für Konflikte mit Behörden und unzählige Gerichtsverfahren: „Bedarfe für Unterkunft und Heizung werden in Höhe der tatsächlichen Aufwendungen anerkannt, soweit diese angemessen sind.“

Weitere Höhepunkte im Vortrag waren die teils kuriosen kurzen Fallbeispiele aus dem echten Leben. Es ging z.B. um die Frage, ob eine Krankenkasse die Kosten für die Entfernung des Tattoos „i lofe Jim“ übernehmen muss, wenn man Jim nicht mehr liebt und/oder den Verdacht geschöpft hat, dass die Orthografie möglicherweise fehlerhaft sein könnte.

Grundsätzlich tut sich ja die Frage auf, mit wieviel Sorgfalt man grundlegende Dinge behandelt bzw. wieviel Aufmerksamkeit man der Pflicht schenkt und wieviel der Kür. Eigentlich sollten zum Beispiel Kinder in der Grundschule Techniken lernen, auf denen dann die weiterführenden Schulen aufbauen können und auf die man im weiteren Leben immer wieder zurückgreifen kann. Dazu gehören neben sozialen Kompetenzen das Lesen und das Verständnis dessen, was man gelesen hat, Schreiben, die Grundrechenarten und das kleine Einmaleins. Der Mensch lernt erwiesenermaßen dasjenige am Nachhaltigsten, was er selbst ausführt, also mit den eigenen Händen tut und so im wahrsten Sinne des Wortes begreift oder aber mit seinem Körper und seinen ganzen Sinnen erspürt. Dafür benötigt der lernende Mensch ausreichend Zeit, Raum und Gelegenheit. Mit diesem Wissen erscheint es umso unverständlicher, dass unsere Gesellschaft nicht viel mehr Druck dahingehend auf die Politik ausübt, die Grundschulen zu stärken um dort den Kindern den Raum und die Zeit zur Verfügung zu stellen, die sie für ihre individuellen Fortschritte benötigen. Es macht doch Sinn, der Vermittlung von grundlegendem Wissen und Lerntechniken ein überproportional großes Maß an Aufmerksamkeit und Sorgfalt zu widmen um später darauf vernünftig aufbauen zu können.

Beim Zinken beschäftige ich mich seit nunmehr zwei Jahren fast ausschließlich nur mit Technik als Voraussetzung dafür, irgendwann einmal Stücke musikalisch gestalten zu können. In der letzten Unterrichtsstunde habe ich endlich auch die Doppelzunge kennengelernt. Das ist eine Artikulationstechnik, die einen in die Lage versetzt, viele schnelle Noten hintereinander spielen zu können und dabei dann auch noch ansprechend zu gestalten. Es gibt dabei eine deutlich artikulierte Version und eine weichere Form. Im Unterricht hat sich wider Erwarten meine Zunge nicht verknotet und es hat sich auch kein Muskelkrampf im Gaumen eingestellt. Die deutlichere Artikulation, die ich mit den Lauten „degedegedege“ ausführe, habe ich zu meinem eigenen Erstaunen recht schnell begriffen. Allerdings stolpern die einzelnen Töne beim Üben noch recht unkontrolliert und ungleichmäßig vor sich hin. Der Unterschied zur weicheren Art der Artikulation hat sich mir dagegen nicht so schnell erschlossen. Irgendwann meinte ich die Erklärungen meines Lehrers verstanden zu haben und habe das übersetzt mit den Worten: „ach so, ich soll das also schlurig spielen.“ Das hat mein Lehrer dann gar nicht verstanden, weil das Wort „schlurig“ in seinem Wortschatz nicht vorkommt. Das ist ja ein anderer Ausdruck für „schlampig“. Bei anderer Gelegenheit hatte ich mal naiv nachgefragt, ob ich denn bei Verzierungen jeden Ton einzeln anstoßen müsse oder da auch mal der Einfachheit halber ein paar Töne zusammenfassen könne. Auch da hatte mein Lehrer mich zunächst irritiert gemustert und mir dann sichtlich befremdet mitgeteilt, dass ich selbstverständlich jeden Ton einzeln artikulieren müsse. Das sei ja nun gar keine Frage.

Daraus schließe ich nun, dass es dem Wesen von echten Zinkenisten völlig fremd sein muss, einem Klang oder einer Note, und sei sie auch noch so kurz, nicht die gesamte zur Verfügung stehende, volle Aufmerksamkeit und Sorgfalt  zu widmen. Zudem scheint es überaus wichtig zu sein, die grundlegenden Techniken nicht übereilt oder schlurig zu erlernen sondern mit so viel Zeit, Raum, Muße, Genauigkeit und Gründlichkeit wie es eben braucht. Und wenn man einmal eine Technik beherrscht, kann man sich dann anscheinend leider nicht auf dem Erlernten ausruhen sondern muss alles stetig weiter und weiter üben und verbessern.

Als ältere Quereinsteigerin in die Welt des Zink und beruflich aus einer Welt kommend, in der Schnelligkeit und Effizienz tragende Rollen spielen, muss ich beim Zinken immer wieder in ein anderes Denken umschalten. Das bleibt spannend und ich nehme mir vor, die langsame, bedächtige, gründliche und bis ins letzte winzige Detail sorgfältige oder anders und zusammenfassend ausgedrückt: die zinkenistische Herangehensweise an Problemstellungen auch in meinem beruflichen und privaten Leben mehr zu beherzigen.

Hätte ich das schon früher mal hin und wieder umgesetzt, wäre es vielleicht auch nicht dazu gekommen, dass ich mit dem Tattoo „i lofe my Zink“ herumlaufe, das ich eigentlich lieber wieder entfernen lassen möchte. Zur Aussage stehe ich zwar noch, aber von der Richtigkeit der Orthografie bin ich nach sorgfältiger Recherche doch nicht mehr so ganz überzeugt. Ich muss mal bei meiner Krankenversicherung nachfragen, ob sie die Kosten für die Entfernung übernehmen.