Ich müsste dringend mal wieder mit Sport anfangen. Im letzten halben Jahr konnte ich mich nicht motivieren, den großen und außerordentlich dicken inneren Schweinehund, der mir da blockierend im Wege herumliegt, beiseite zu schieben. Eigentlich müsste ich mich dazu aufraffen, das weiß ich, und es geht mir auch nicht gut damit, dass ich es nicht schaffe, die Sache in Angriff zu nehmen. Immerhin habe ich aber wieder mit Atem- und Meditationsübungen angefangen und versuche beim Atmen aktuell, die richtigen Farben für meine Chakren zu visualisieren und ihnen zuzuordnen (also z.B. Rot für das Wurzelchakra, Orange für das Sakralchakra im Bauchraum, Gelb für das Solarplexuschakra usw.). Meine Brustraumregion müsste danach eigentlich planmäßig grün sein. Mein Herz bleibt aber, wenn ich versuche es mir vorzustellen, hartnäckig in einem wunderbar warmen Orangeton und bewegt sich keinen Zentimeter in Richtung Grün. Das Visualisieren müsste ich also noch intensiver üben oder ich müsste mich darin üben, mehr Geduld mit mir zu haben. Oder ich müsste mal erspüren, ob sich mein Herz vielleicht meinem Bauchraum zugehörig fühlt und das individuelle Recht hat, als quasi queeres Herz dauerhaft Orange strahlen zu dürfen.
Auch sonst müsste ich eigentlich viel mehr für mich tun. Das fängt damit an, dass ich mehr Wasser trinken und mich gesünder, idealerweise hauptsächlich vegetarisch ernähren müsste und dabei darauf achten muss, dass ich genügend Vitamine, Mineral-, Ballast- und Bitterstoffe, hochwertige Fette und wertvolle Kohlenhydrate zu mir nehme. Darüber hinaus muss ich natürlich auch Sorge dafür tragen, dass ich ausreichend erholsamen Schlaf bekomme. Wenn ich es denn irgendwann schaffe, wieder mit Sport anzufangen, muss ich darauf achten, dass ich sowohl das Herz-Kreislauf-System als auch meine Muskulatur ausgewogen trainiere. Und natürlich muss ich immer die Gegenspieler gleichmäßig fordern, also nicht nur die Bauch-, sondern auch die Rückenmuskulatur.
Über meine Person hinausdenkend müsste ich mich mehr für die Gemeinschaft engagieren, hier vor Ort z.B. für ein gutes Zusammenleben in unserer Nachbarschaft, Stadt und Landkreis. Ich müsste das soziale und politische Geschehen auf Kommunal-, Landes-, Bundes-, Europa- und Weltebene intensiver verfolgen und mich einbringen, mehr Nachrichten lesen und schauen und dabei aber natürlich die Quellen kritisch hinterfragen. Im Klimaschutz müsste ich mich mehr engagieren, für eine artgerechte Tierhaltung demonstrieren, mich für den Erhalt bedrohter Tierarten stark machen und Kröten über die Straße retten. Und wenn ich so aus dem Fenster schaue, das ich unbedingt zeitnah mal wieder putzen müsste, sehe ich in unserem Garten, was ich da so alles dringend tun müsste.
Muss ich wirklich so viel müssen? In der Werbung gab es einmal einen ganz intelligenten Slogan für ein Mittel gegen häufigen nächtlichen Harndrang: weniger müssen müssen. Lässt sich dies irgendwie auf meine Lebenssituation übertragen?
Für viele meiner kleinen und größeren Probleme ergeben sich Lösungen beim Zinken. Mir ist auch nach sechs Jahren noch immer nicht klar, warum das so ist, aber ich nehme es als Geschenk.
In der Woche nach Pfingsten war ich beim Workshop für Alte Musik in Hof. In einer wunderbaren Arbeitsatmosphäre haben wir Teilnehmer mit den Dozenten in vier vollen Tagen ein Programm erarbeitet, das wir am fünften Tag in einem gelungenen Abschlusskonzert präsentiert haben.
Zusammen mit einer jungen, fantastischen Sopranistin habe ich an einem Stück von Claudio Monteverdi gearbeitet, dem Cantate Domino SWV 292 für zwei Sopran- oder Tenorstimmen und Continuo. Es gibt nur wenige Aufnahmen davon und als Noten hatten wir eine frei verfügbare Version zur Verfügung, die sich allerdings über 13 Seiten erstreckt hat mit jeweils drei Systemen pro Seite. Meine Sängerkollegin hatte die Hände frei und konnte beim Singen die einzelnen Notenblätter schieben. Mit Zink in der Hand geht das nicht und so habe ich die Noten digitalisiert und vom Tablet gezinkt und die Seiten mit dem Fußpedal weitergeblättert. Das Stück ist ziemlich schwierig und einige der ausgeschriebenen Diminutionen fangen unten rechts auf der einen Seite an und gehen oben links auf der nächsten weiter. Mit meinem Notenprogramm kann ich auch halbe Seiten blättern, so dass ich, während ich die Noten im letzten System einer Seite gespielt habe, schon mal auf die nächste halbe Seite umblättern konnte. Während ich dort dann das erste System gezinkt habe, konnte ich das noch fehlende untere Teil der Seite dazublättern. Allerdings musste ich dadurch etwa alle sechs bis sieben Takte das Pedal bedienen.

Das Treten auf das Fußpedal hätte ich tatsächlich ein bisschen intensiver üben müssen, dabei kann nämlich leider einiges schiefgehen. Man kann z.B. das Pedal verfehlen, zu früh weiterblättern, gleich zwei Seiten weiter klicken oder zurück statt vor. Alles ist unerfreulich, weil die Noten, die man dann gerade spielt, nicht mehr zu den Noten passen, die man vor sich sieht. Man muss dann mit dem Fuß vor- oder zurückblättern während man weiterspielt und idealerweise passen dann irgendwann die Noten wieder zu dem, was man gerade spielt. Genau sowas ist mir in der Generalprobe für das Abschlusskonzert passiert. Ich war dadurch ziemlich im Stress und habe extrem häufig treten müssen, um die Noten und die Musik, die wir gerade aufgeführt haben, wieder zu koordinieren. Fürs Konzert habe ich dann von einer Dozentin eine andere Notenausgabe bekommen. Dort war der Generalbass nicht ausgeschrieben, sondern nur beziffert, was deutlich weniger Platz in Anspruch nimmt und ich habe nur noch dreimal treten müssen.
Beim Schreiben dieser Geschichte war ich hier zunächst am Ende angelangt. In einem Notentext sind ja unglaublich viele Aufgaben und Anforderungen enthalten und ich wollte den Schluss ziehen, dass eine Reduzierung des Notentextes (also einer Aufgabenliste) eine unglaubliche Erleichterung bringt durch z.B. weniger treten müssen. Dieses Ende hat sich aber überhaupt nicht stimmig angefühlt und so habe ich noch einmal weiter überlegt und eine noch tiefere Dimension entdeckt.
In der Generalprobe ist mir ja sozusagen der Super-GAU passiert: Noten weg, Bewegungsablauf gestört, weil ich mit dem linken Fuß auf der Suche nach dem richtigen Pedal war, Fokus verloren und Aufmerksamkeit weg von der musikalischen Gestaltung. Aber! Die Katastrophe war nur in meinem Kopf. Die Zuhörer haben wenig bis gar nichts davon mitbekommen und mich hinterher höchstens auf die erbauliche Steptanzeinlage angesprochen. Im Video des Workshops ist ab Minute 3:47 ein Ausschnitt unserer Darbietung zu sehen und zu hören wobei die Tonspur aus der „missratenen“ Generalprobe stammt. Was sich in meinem Kopf alles abspielt, hört man dort gar nicht. Und das ist die unglaubliche Erleichterung.
Ich muss nichts müssen, sondern ich darf einfach machen, einfach mitfließen mit der Musik und darauf vertrauen, dass mich der Musikfluss trägt und ich auch in kritischen Situationen funktioniere und Lösungen parat habe. Natürlich muss ich vorher Techniken erlernt haben, in meinem konkreten Fall das Zinken, aber im Grunde geht es um das Loslassen von Zwängen. Die ganzen Muss-Anforderungen beim Zinken und auch sonst im Leben sind irgendwas, was nur in meinem Kopf stattfindet und in unpassenden Situationen auch noch zum Kummulieren und Lahmlegen meines Systems neigt. Die Muss-Gedanken sind nicht real. Real ist die Situation, in der ich gerade bin. Da kann ich dann in mich hineinspüren, wie es sich gerade anfühlt und entscheiden, ob und wie ich handeln möchte. Die Lösung für mich lautet also: weniger denken müssen, mich weniger sorgen müssen und weniger meinen Gedanken glauben müssen.
Nach dem konzentrierten Schreiben will ich mir nun ein paar sanfte Dehnübungen gönnen und mich anschließend mit einer Tasse Kaffee in den Garten setzen, die Wärme der Sonne spüren, den Duft der Rosen meines Nachbarn genießen, atmen, ins Grüne schauen und abwarten, ob mein Herz Orange bleiben oder vielleicht doch Grün werden möchte. Nichts muss, alles darf!
