Döner mag ich am liebsten mit alles! Ich liebe es, wenn herzhaftes Fleisch, knackiges Grünzeug, saftige Tomaten, warmes Brot, würzige Zwiebeln und (nicht zu) scharfe Soße sich treffen und zu einer Geschmacksexplosion im Mund führen. Das ist ein wenig wie beim Musizieren. Auch da genieße ich es, wenn viele einzelne Komponenten zusammengefügt werden und das Ergebnis sozusagen eine Geschmacksexplosion im Ohr auslöst. Besonders gut geht das natürlich mit dem Zink.
Der Zink ist ja nun bekanntlich das am schwersten zu lernende Musikinstrument der Welt aber auch das mit dem allerschönsten Klang, jedenfalls für mein Empfinden. In jedem Zinkklang steckt die ganze Welt. Er enthält Höhen und Tiefen, Glanz und Mattigkeit, Trauer und Freude, Sehnsucht und das konkrete Jetzt, Härte und Weichheit, Forte und Piano, Himmel und Erde, Ying und Yang. In meiner Vorstellung ist mein idealer Zinkklang ausgewogen kugelförmig und wenn ich mich mit meinem Zinken dem idealen Klang nähere, löst sich die Zeit manchmal in glückseligen Momenten vollkommen im Klang auf.
Meinen Zinkklang kann ich durch Fokussieren auf bestimmte Klangelemente bewusst färben, die Klangkugel also sozusagen ein bisschen beulig gestalten in Richtung sanft oder martialisch oder sehnsuchtsvoll oder bestimmt oder oder oder. Zumindest theoretisch! In einem meiner letzten Kurse habe ich viel daran gearbeitet, leise, weich, gesanglich und dabei aber zu 120 % präzise zu zinken. Das war ganz schön herausfordernd und da ich außerdem überwiegend in mittlerer und tiefer Lage besetzt war, habe ich vor lauter angestrengter irdischer Arbeit mit dem Zink den Klanghimmel über mir komplett vergessen. Als Ergebnis ist mir mein Klang ein kleines bisschen gepresst und sozusagen birnenförmig geraten, was ich aber erst im Nachhinein auf einer Aufnahme realisiert habe.
So, wie es in jedem einzelnen Klang unzählige Dimensionen gibt, enthält jedes Musikstück unterschiedliche Ebenen. Wenn sich alles ergänzt und gegenseitig bestärkt, kann dies im Idealfall dazu führen, dass für wunderbare, fast unendlich erscheinende Sekunden durch die Musik Emotionen transportiert werden können. Die Zeit löst sich dann auf und der Moment ist perfekt.
Mit meinem Zink als Diskantinstrument habe ich häufig schöne Melodien zu spielen und bemühe mich, meine Klänge nicht mechanisch nebeneinander zu setzen, sondern in Dynamik und Tempo flexibel zu bleiben, auf Ziel- und Höhepunkte hinzuspielen und den notierten – oder bei reinen Instrumentalstücken von mir ausgedachten – Text zu transportieren. Wenn ich das manchmal schaffe atmet die Musik, fließt quicklebendig oder geruhsam vor sich hin und wird nicht langweilig, was ja das größte anzunehmende Übel wäre. Mein musikalisches Denken orientiert sich also horizontal an der Melodie. Was ich häufig gar nicht im Blick habe ist die vertikale Struktur eines Stückes, also die Akkorde und Harmonien, die sich von unten aufbauen und die die Musik mittragen, und formen und in bestimmte Richtungen fließen lässt.
Mit meinem Bass-Dulcian-Freund arbeite ich konzentriert an ausgewählten Stücken und seine Sichtweise auf die Musik, seine Hinweise auf eine Phrygische Kadenz, einen Quartsechstakkord, einen Funktionswechsel eines ausgehaltenen Tons vom Grundton zur Quinte oder Terz oder einen zu feiernden B-Dur Akkord als Unterstreichung der Wichtigkeit einer Textsilbe empfinde ich als ausgesprochen bereichernd für unsere musikalische Arbeit. Wenn wir mein horizontales Melodie- und Rhythmusdenken und sein vertikales Struktur- und Harmoniedenken in idealem Teamwork zusammenbringen, gewinnen die Musikstücke an Struktur, Kontur, Tiefe und Ausdruck und bescheren uns manchen glücklichen Moment.
Musik kann Emotionen transportieren aber das ist nicht planbar, sondern geschieht häufig ganz unerwartet. Vor einigen Jahren habe ich ein Konzert gehört, bei dem die Rahmenbedingungen nicht sonderlich gut waren. Der Raum war mit dickem Teppichboden ausgelegt und mit Polsterstühlen bestückt und gegen die Sonne waren im völlig überhitzten Raum die großen Fensterflächen mit Vorhängen abgedunkelt. Alles in allem also keine prickelnden akustischen Bedingungen. Das klassische Streichquartett hatte im Wechsel mit einem Schauspieler, der Reisetexte aus dem Orient vorgetragen hat, vor allem romantische und moderne Stücke im Programm aber auch eine Bearbeitung eines eigentlich fünfstimmigen Madrigals von Palestrina. An diesen Programmpunkt hatte ich keine hohen Erwartungen und hatte das schon vorab in der Schublade „das kann ja nix Gutes werden“ einsortiert. Tatsächlich waren diese vier oder fünf Minuten der Höhepunkt des Konzertes. Die Musiker:innen haben das Stück so präzise und mit so viel Ausdruck und Gefühl musiziert, dass die Musik direkt bei mir im Herzen angekommen ist und mir die Tränen liefen.
Auf dem oben erwähnten Kurs, bei dem mein Klang ins Birnenförmige abgerutscht ist, hat der Kursleiter in einer Pause uns Teilnehmern sein neues Cembalo mit zwei Achtfüßen vorgeführt. Das Instrument stand im Saal ziemlich unscheinbar in die Ecke gedrängt und war auch nicht ganz hundertprozentig gestimmt. Aber mit Begeisterung und fast kindlicher Freude über sein Instrument hat der Kursleiter unterschiedliche Klangfarben demonstriert und aus dem Stegreif mal eben ein paar Stücke von Johann Sebastian Bach intoniert. Nicht in spieltechnischer Hinsicht perfekt, das war ja auch kein vorbereitetes Konzert, aber mit so viel Leidenschaft und musikalischer Hingabe, dass wir zu Tränen berührt waren.
Kurz nach diesem beglückenden Erlebnis habe ich ein Solo-Cembalo-Konzert gehört mit einem 16 Fuß Instrument in superguter Akustik. In spieltechnischer Hinsicht waren die Stücke nahezu perfekt dargeboten aber leider fehlte bei dem mechanischen und streng akademischen Vortrag jegliche Gefühlsregung oder Emotion der Künstlerin. Mir hätte ja schon ein Zucken eines Mundwickels oder die Veränderung der Fußposition während des immerhin einstündigen Konzertes genügt um mich innerlich wieder auf die Suche nach Emotionen in den Klängen zu begeben. Leider war da nichts und so war die Konzertstunde ein ewiger, nicht enden wollender Moment der Langeweile. Schade!
Wie gut aber, dass langweilige Darbietungen eher die Ausnahme sind und es so viele tolle Konzerte zu hören gibt mit Künstler:innen, die mit Herzblut und Leidenschaft und dabei mit allerhöchstem Können und Präzision musizieren. Unvergessen wird mir das Konzert von vier Emporen in der Klosterkirche in Muri bleiben. Wir saßen mittig im Kirchenraum und wurden aus allen vier Himmelsrichtungen von den Emporen und von vorne von den Gesangssolisten und der Generalbassgruppe beschallt. Wunderbar, wenn alle Beteiligten mit hoher Konzentration auf höchstem musikalischen und technischen Niveau die Zuhörer mit einem wahren Klangbad verwöhnen. Alle Zutaten waren dabei: perfekte Intonation, absolute Homogenität von Rhythmus, Dynamik und Gestaltung und ein immerwährendes Nach-Vorne-Streben zu einem gemeinsamen musikalischen Ziel. Eine Geschmacksexplosion im Ohr!
Und wenn ich das so schreibe, bekomme ich Appetit auf mehr! Leider steht unmittelbar kein Konzertbesuch oder eigenes musikalisches Projekt bevor. Also werde ich weiter meine Zinktechnik trainieren und ansonsten viel Döner essen um zumindest Geschmacksexplosionen im Mund zu genießen.