Aufmerksamkeit

Mitte Februar 2025 versuche ich inmitten aller außen- und innenpolitischen Wirrungen meine Haltung zu bewahren und mein Lächeln nicht zu verlieren.

In dieser Zeit fordert vieles meine Aufmerksamkeit. Die politische Lage in Deutschland ist verworren und undurchsichtig. Die anstehende vorgezogene Bundestagswahl stimmt mich persönlich hinsichtlich ihrer Auswirkungen besorgt und die vielen Talkshows im Fernsehen, Wahlplakate an den Straßenrändern und der Wahl-O-Mat im Internet führen für mich nicht zu der erhofften Klarheit. Angesichts all der schrecklichen Anschläge in Deutschland und der negativen Stimmungslage muss ich meine eigene Haltung immer wieder aufmerksam hinterfragen und nachjustieren. Dazu hat sich in der weltpolitischen Lage zu den altbekannten Diktatoren und Unrechtsstaaten nun auch noch ein schießwütiger Cowboy an der Spitze von Amerika gesellt. Der Krieg in der Ukraine dauert immer noch an und auch die vielen anderen Unruhen in der Welt außerhalb Europas heischen nach meiner Aufmerksamkeit.


Das ist alles manchmal nur schwer zu ertragen. Gut, dass auch der Alltag Aufmerksamkeit fordert und mich von der innen- und außenpolitischen Lage ablenkt. Allerdings ist auch im Alltag einiges sehr anstrengend. In letzter Zeit sind wir für Konzerte und Familienbesuche recht häufig auf deutschen Autobahnen unterwegs gewesen und es ist erschreckend, mit wie viel Aufmerksamkeit man für die anderen Verkehrsteilnehmer mittlerweile mitdenken muss. Viele haben keinerlei Empfinden mehr für den Verkehrsfluss oder dafür, dass sie andere durch ihr eigenes Verhalten gefährden könnten. Nicht „Amerika first“ scheint es für viele Autofahrer:innen zu heißen, sondern „me first“.


Bei meiner Arbeit nehme ich eine zunehmende Komplexität der von mir zu bearbeitenden Fälle wahr. Es kann natürlich an meinem Alter liegen, dass mir manches nicht mehr so leicht und fluffig von der Hand geht und hin und wieder habe ich ja bekanntermaßen sowieso Pech beim Denken. Dies hat mir meine Familie jedenfalls bei geselligen Spieleabenden attestiert, wenn ich wieder einmal nicht gewonnen, sondern mit großem Abstand verloren habe. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Fallkonstellationen, mit denen ich mich dienstlich zu beschäftigen habe, tatsächlich immer undurchsichtiger und verworrener werden.


Von Vorteil ist, dass ich meinen Büroraum gewechselt habe und nun bei meiner Arbeit nicht mehr durch den aufregenden Betrieb in der „Pinkelschnecke“ unterhalb meines Büros abgelenkt werde.


Auf der Wand des Parkhauses, auf das ich nun schauen darf, wenn ich meine Augen von der Bildschirmarbeit ausruhen möchte, fesselt nur selten einmal etwas meine Aufmerksamkeit. Das Stück Himmel darüber verfärbt sich allerdings manchmal in den Morgenstunden, das ist dann doch kurzzeitig meiner Aufmerksamkeit wert.


Beim Zinken beanspruchen nach wie vor die vielen einzelnen Komponenten zur Erzeugung eines schönen Klanges und zu dessen Beibehaltung in allen Lebenslagen meine Aufmerksamkeit in hohem Maße. Derzeit beschäftigt mich eine kurze Sequenz aus einem Stück von Stefano Bernardi.


Mit der ausgeschriebenen Diminution komme ich nur schwer zurecht und schaffe es nicht, die Stelle so fluffig und leicht zu gestalten, wie mir das vorschwebt. Ständig bricht der Klang ab oder spricht gar nicht erst an oder ich bin zu langsam bei den Zweiunddreißigsteln oder ich spiele die Stelle insgesamt zu langweilig oder oder oder. Es ist zum Verzweifeln!


Vor ein paar Monaten habe ich an einem erstklassigen Bildungsurlaub teilgenommen, es ging um Selbstfürsorge. Ein paar der dort gelernten Techniken habe ich schon nachhaltig in meinen Alltag einbauen können. Ganz besonders fasziniert hat mich eine Übung aus dem Focussing. Wir sind unter Anleitung der Dozentin gedanklich durch unseren Körper gewandert und haben uns bei jedem einzelnen Körperteil gefragt, ob dies ein „guter Ort“ ist, an dem sich alles harmonisch und stimmig anfühlt. Angefangen beim rechten kleinen Zeh hat die Reise durch den Körper recht lange gedauert, weil wir überall innegehalten haben für die Frage, ob dies nun der „gute Ort“ ist. Während der Übung nahm meine Besorgnis stetig zu, weil sich bei mir angefangen von den Zehen über die Fuß- und Kniegelenke, Bauch- und Rückenraum, Finger, Hände und Arme bis hin zum Nacken alles gleich gut angefühlt hat und ich keinen Unterschied bemerkt habe. Ich dachte ja schon, dass diese Technik bei mir gar nicht funktioniert. Dann sind wir aber bei der linken Nasennebenhöhle angekommen und da hat mich plötzlich ein solches Glücksgefühl durchströmt, dass das Lächeln gar nicht mehr aus meinem Gesicht weichen wollte. Die linke Nebenhöhle ist mein ganz persönlicher „guter Ort“. Ich bin meinem Unterbewusstsein (oder wem oder was auch immer) sehr dankbar, dass es mir einen so tollen „guten Ort“ ausgesucht hat. Die Nebenhöhle hat ganz viel mit Atmung zu tun und auch mit einem schönen Zinkklang und ist für mich daher absolut passend.


Durch den Bildungsurlaub ist mir noch einmal sehr deutlich geworden, dass ich eine Wahl habe. Ich kann entweder meine Aufmerksamkeit vom schmerzenden unteren Rücken, dem verspannten Nacken oder dem verdrehten Knie beanspruchen lassen oder ich schenke meine Aufmerksamkeit aktiv und ganz bewusst meinem „guten Ort“, den ich praktischerweise immer bei bzw. in mir trage. Dann geht es mir gut. Ich kann mich entweder im Bernardi über den missglückten Klang ärgern oder ich aktiviere meine linke Nebenhöhle und widme mit einem inneren Lächeln meine Aufmerksamkeit dem Raum zwischen den einzelnen Noten. Dann funktioniert es bestimmt besser, das probiere ich heute beim Üben gleich mal aus.


Bei meiner Arbeit brauche ich gar nicht aus dem Fenster zu sehen, um mich und meine Augen zu entspannen. Ich mache sie einfach zu und schenke meine ganze Aufmerksamkeit meinem „guten Ort“. Gedanklich an meinen „guten Ort“ wandern kann ich auch, wenn ich mal wieder beim Spielen verliere, Auto fahre oder wenn ich am kommenden Sonntag in der Wahlkabine stehe. Dadurch ändere ich zwar weder die weltpolitische noch die innerdeutsche Lage, aber ich ertrage alles viel leichter und entspannter.


Es ist meine Wahl, ob ich meine Aufmerksamkeit vom Außen beanspruchen und mich durch Hunderterlei wichtiger und unwichtiger Dinge ablenken lasse oder wem oder was ich meine Aufmerksamkeit bewusst schenke. Diese Wahl zu haben schenkt mir ein gutes Gefühl und ich wünsche mir, dass noch mehr Menschen ihren eigenen individuellen „guten Ort“ entdecken, wo auch immer der im Körper versteckt sein mag.


Wer mich kennt und mir demnächst im Familien-, Freundes- oder Kollegenkreis, beim Zinken, Autofahren, dem Gang in die Wahlkabine oder sonstwo begegnet und mich glücklich und entspannt lächeln sieht, der darf sich gerne vorstellen, dass ich wohl gerade mit meiner ganzen Aufmerksamkeit in meiner linken Nebenhöhle bin. Und vielleicht bringt diese Vorstellung den einen oder die andere zum Lächeln. Dann lässt sich für diese Sekunde des Lächelns alles gleich ein bisschen leichter ertragen.